"Daß ich Jüdin bin, wurde mir erst in den Jahren nach 33 bewußt."

Lenka Reinerova, 1916 in Prag geboren, ist die Tochter einer Frau aus deutscher Familie im westböhmischen Saaz (Zatec) und eines gebürtigen Tschechen - beide jüdischer Herkunft. Um bei den Nachbarn nicht als "auffällig" zu gelten, werden die jüdischen Feiertage nur bescheiden begangen und das Judentum spielt für die junge Lenka keine große Rolle. Durch ihre Beschäftigung als Journalistin und Redakteurin bei der "Arbeiter Illustrierten Zeitung" ab 1936, lernt sie den bekannt-berüchtigten Reporter Egon Erwin Kisch kennen, der in der Melantrichgasse ihr Nachbar ist. Sie war 19, er 50.

1939 entkommt sie durch Zufall den nationalsozialistischen Schergen, da sie sich zu diesem Zeitpunkt auf einer Dienstreise in Rumänien befindet. Als sie nach Frankreich flüchtet, wird sie interniert. Im Frauengefängnis La Petite Roquette schreibt sie Geschichten für Kinder auf Tschechisch, um ihre Fantasie zu erhalten. Im Internierungslager Rieucros ist an Schreiben nicht mehr zu denken. Eines Tages jedoch kam der erlösende Brief, der ihr Visum zur Ausreise nach Mexiko ankündigte. Diesen Glücksgriff verdankt sie ihrem früheren Chef der "Arbeiter Illustrierten Zeitung", F. C. Weiskopf, der sie auf die Liste zu schützender Schriftsteller der American League of Writers setzte, obwohl sie damals ein "Fräulein Niemand" war. Sie sagt, ihm hat sie ihr Leben zu verdanken.

Als sie zunächst in Paris versuchte, von der Unterstützung durch Flüchtlingsorganisationen unabhängig zu sein, wertet sie Zeitungen des Protektorats Böhmen und Mähren aus und verarbeitet sie zu Meldungen für eine französische Nachrichtenagentur. Wenig später läuft ihre Aufenthaltsgenehmigung ab, die sie nicht verlängern kann. Dieser Umstand führt zur Nachbarschaft mit Gisl und Kisch. In der Runde dieser illustren Intellektuellenszene ist sie die Jüngste.

Nach ihrer baldigen Verhaftung, erlebt sie ihren Aufenthalt im mythenumwobenen Exilort Casablanca, als ein "märchenhaftes Abenteuer".
Lenka Reinerova Ihr Mann Theodor Balk

In Mexiko trifft sie den Arzt und Schriftsteller Theodor Balk wieder, den sie aus Paris kennt. Mit ihm zieht sie zusammen und wenig später heiraten die beiden. Nach Kriegsende kehren die Kommunisten nach Europa zurück. Zunächst leben sie einige Jahre in Belgrad, seiner Heimatstadt, und ziehen 1948 wieder nach Prag. Doch ihr Glück soll nur kurz währen, denn das Schreibverbot für 30 Jahre, der Ausschluss aus der Partei und der Verlust der Arbeit in einem Verlag lassen die ungewohnte Harmonie wie Glas zerbrechen. Anfang der 50er Jahre wird sie Opfer stalinistischer Säuberungen, es sind eigene Genossen, die sie verfolgen, und sie gelangt erneut in Untersuchungshaft - für 15 Monate. Danach wird sie mit ihrer Familie in die Provinz abgeschoben und erst 1964 rehabilitiert. Ihr Mann findet während des Provinzaufenthaltes lediglich eine Anstellung als Laborant in einem Krankenhaus. Sie verdient ihr Geld in einer Fabrik für Glas und Porzellan. Nach 1974 arbeitet Lenka, Mutter einer nunmehr in London lebenden Tochter, unter einem Pseudonym als Dolmetscherin und Übersetzerin, wobei ihr zur Hilfe kommt, dass sie sechs Sprachen beherrscht.

(Bild aus "Egon Erwin Kisch. Eine Biographie in Bildern." Hrsg. von Marcus Patka, Berlin 1998.)

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"Das Traumcafè einer Pragerin" | Lesart

Kirstin Jachmann

letzte Bearbeitung: 13.10.01