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"Das Traumcafè einer Pragerin"
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Eine Lesart
Das Prag der 30er Jahre beschreibt noch jene
deutsch-tschechisch-jüdische Symbiose, die Lenka Reinerova - als eine der
Letzten - miterleben durfte. Aus diesem Grund ist es wohl auch ihr Ziel, die
Menschen, die sie auf ihrem Weg, eine anerkannten Schriftstellerin zu werden,
begleiteten, wieder 'lebendig' werden zu lassen.
In ihrer Titelgeschichte "Das Traumcafè einer
Pragerin" schafft sie sich ihr eigenes Kaffeehaus, ihr Traumcafè:
"Irgendwo in dem schleierhaften blaugrauen Dunst über den von Grünspan
bezogenen Kuppeln und den gestrengen Kirchtürmen [...] gibt es ein Cafè mit
vielen Tischchen, und von jedem kann man hinunterblicken in unsere Stadt, und
die das von dort aus tun, haben hier fast alle einmal
gelebt."("TC.", 7)
Bereits in den ersten Zeilen bekommt der Leser die große
Verbundenheit der Pragerin zu ihrer Heimat zu spüren, insbesondere zu der Stadt Prag, die
sie liebevoll "mein Prag" ("TC", 7) nennt. In den folgenden
Seiten beschreibt der Ich-Erzähler, wobei es sich nur um Lenka Reinerova selbst
handeln kann, verschiedene Episoden aus ihrem facettenreichen Leben. Sie
schildert die Bedingungen, unter denen Lenka Reinerova aufgewachsen ist, die Prager Heimat zu damaliger
und heutiger Zeit, ihre Erlebnisse auf der Flucht nach
Mexiko, vor allem aber Begegnungen, wie jene mit dem Arzt und ihrem Ehemann
Theodor Balk, dem Redakteur F.C. Weiskopf, dem Kritiker Max Brod und Rudolf
Fuchs, der ihr erstes Gedicht veröffentlichte.
In ihrem Cafè lässt sie all die Menschen
Platz nehmen, die sie auf ihrem beschwerlichen Weg begleitet und beeinflusst
haben. Egon Erwin Kisch, der Reinerovas Werdegang von früh an verfolgte und ihr
stets den Rücken stärkte - beruflich, sowie privat - war er ihr ein
unerlässlicher Begleiter.
Reinerova lässt diese Menschen sprechen, sie
untereinander in Dialog treten und bringt sich dabei meist mit ein. "Und
so widerfährt es mir, daß ich mich, in Bedrängnis geraten, mitunter bittend
oder gar beschwörend an die Stammgäste des Traumcafès wende: Ihr dort
irgendwo, so helft mir doch, ihr wißt ja, was ich jetzt tun oder entscheiden
muß. Soll ich oder soll ich nicht? Sonderbar - oft weiß ich dann mit einem Mal
wirklich, glaube zumindest zu wissen, was ich tun oder nicht tun soll."
("TC", 8,9)
Darüber hinaus, scheint sie in der Geschichte
eine übergeordnete Rolle einzunehmen, die Rolle einer Gesprächsführerin zu
übernehmen, indem sie den Gästen des Traumcafès Fragen stellt, wie z.B., wie
sie unentwegtem Hoffen gegenüberstehen und was sie davon halten würden, in
jenem Cafè eine Nachrichtenbörse, wie es sie im Prag der 20er Jahre gab, ins
Leben zu rufen. Gedruckt werden dürften nur Nachrichten, die auf "nachweisbarer
Wahrheit beruhen" ("TC", 43). In dieser Forderung übt sie klar
Kritik an den irdischen Zuständen, indem sie sagt: "Auf Erden ist eine
derartige Forderung leider kaum realisierbar, aber an einem erträumten
Ort?" ("TC", 43)
Die Gäste schauen aus ihrem Traumcafè auf
Reinerova herab, als ob sie noch immer acht auf sie geben wollten. Reinerova
selbst empfindet es selbst als ungerecht, allein auf Erden zurück gelassen
worden zu sein.
In diesem Traum von einer Wiedervereinigung mit
allen ihren Weggefährten schwingt immerzu ein kritischer und nachdenklicher
Unterton mit, der jedoch unmöglich zu überhören ist. In dieser Erzählung,
die wie ein Resümee ihrer bisherigen Lebenstage wirkt, macht sie ihre Kritik
gegenüber der stetig ansteigenden Luftverschmutzung und der zügellosen Machtbesessenheit
publik.
Lenka Reinerova schockiert ihre Gäste des
Traumcafès mit Veränderungen, die sich im Laufe der Zeit auf der Erde
zugetragen haben. Veränderungen, die von den damaligen Persönlichkeiten nur
schwer zu begreifen sind: "Wer konnte voraussehen, daß es in
atemberaubender Folge keine Sowjetunion mehr geben wird, kein Jugoslawien und
auch keine Tschechoslowakei." "Rede keinen Unsinn [...], was soll das
heißen - keine Tschechoslowakei?" ("TC", 33)
Am Ende der Erzählung kann der Leser aber das
Buch befriedigt aus der Hand legen, weil er weiß, dass diese Frau Lenka
Reinerova, trotz all der verwegenen Erlebnisse und schlechten Zeiten, in denen
nicht einmal ein Traumcafè möglich gewesen wäre, die Fähigkeit zu Träumen niemals verloren gegangen ist.
"Das Traumcafè
funktionierte unter jenen katastrophalen Umständen nicht. Ich konnte die Hilfe
seiner Stammgäste nicht anrufen, es kam mir auch gar nicht in den Sinn.
Vielleicht hat damals ein gütiger Geist zwischen Erde und dem sogenannten
Himmel einen undurchlässigen Vorhang (nein, keineswegs eine Mauer!) gezogen,
damit die Untaten, die hier in den fünfziger Jahren so verheerend um sich
griffen, nicht auch noch die Gefilde des Träumens erfaßten."
("TC", 14,15)
Sie erlebt
einen Traum, der allenfalls vorübergehend unterbrochen werden kann, da, wie sie
sagt, "im Traumcafè alles möglich ist" ("TC", 45)
Die Sprache, mit der die Schriftstellerin
'ihre' Geschichte erzählt, ist sehr ehrlich, vor allem aber ironisch.
Auf wunderbare Weise gelingt es ihr, Bilder vor die Augen des Lesers zu zaubern:
"Aber die jungen Mädchen zeigten zugeknöpfte Gesichter, die alten Frauen
schlichen erschrocken weiter, die neugierigen Kinder wurden von energischer
Elternhand festgehalten." ("TC", 25). Somit baut sie ihre kleine Welt
rund um das Traumcafè. Besonders einfühlsam präsentieren sich
Landschaftsbilder wie "glitzernde Tautropfen" ("TC", 31) und
"Puffige Wolkenstränge, Sturmwirbel [...], zackige Blitze, Sonnenauf- und
untergänge - welch ein Materialvorrat!" ("TC", 31).
Damit zieht sie den Leser unwillkürlich in ihren Bann.
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"Das
Traumcafè einer Pragerin"
Kirstin Jachmann
letzte Bearbeitung: 13.10.01
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