Mexikanische Künstler
Aus verschiedenen Anlässen
beschäftigte sich Bodo Uhse mit drei der populärsten mexikanischen
Künstler des 20. Jahrhunderst: dem Zeichner und Grafiker José
Guadalupe Posada und den Vertretern des Muralismus
Diego Rivera und David Alfaro Siqueiros.
José Guadalupe Posada
Der
laut Uhse behäbig und würdig aussehende, dicke, gefühlvolle Moralist
Posada lebte von 1853 bis 1913, war Uhse also nicht persönlich bekannt,
wie Rivera oder Siqueiros. Lediglich Fotos Posadas werden ihm geläufig
gewesen sein und natürlich dessen Grafiken und
Zeichnungen.
Die
Juni-Ausgabe des “Freien Deutschland” 1943 erschien als Sonderheft über
Mexiko. Hier veröffentlichte Uhse unter seinem Pseudonym Ernst Rademacher
den Aufsatz “Schwarz auf weiß” über José Guadalupe
Posada.
Er
vergleicht dessen Arbeiten mit der am Impressionismus orientierten Malerei
des Mexikaners José Maria Velasco, der in sanften Farben die schönen,
anmutigen Seiten des Mexikos seiner Zeit darzustellen wusste. Posada
hingegen, dem Velasco nur als künstlerische Antipode dienen soll, zeige
ohne Pardon die Wahrheit. Die Wahrheit, von der Uhse schreibt, ist im
geschichtlichen Kontext von Posadas Schaffen zu sehen. Schwarz auf weiß
würden bei ihm in den meisten seiner circa zwanzigtausend Arbeiten
gesellschaftliche Zustände kritisiert, fortschrittliche Kräfte, wie die
revolutionären Bauern, die Zapatisten zeichnerisch unterstützt, auch wenn
ihm das wiederholt Gefängnisaufenthalte einbrachte. Am vielleicht
populärsten sind deshalb auch seine Bilder von Emilio Zapata und dessen
Gefolgsleuten; ein immer
wiederkehrendes Motiv sei, so Uhse, der einsame, an der Mauer stehende
Mann, in die Gewehrläufe des ihm gegenüberstehenden Erschießungskommandos
blickend.
Ein
weiterer großer Teil der Bilder Posadas beschäftigt sich auf andere Weise
mit dem großen Thema Mexikos, dem Tod. In vielen Varianten werden
Skelette dargestellt, es wird “getanzt und gejubelt, getrunken und
gestritten wie im wahren und wirklichen Leben”. Uhse verweist hier auf den
stofflichen Zusammenhang mit Albrecht Dürers “Totentanz” (vergleiche auch
Ansichten Paul Westheims zu diesem Thema!). Diese Figuren, die auch den Komponisten
Sylvestre Revueltas bei der Komposition zu seinem Ballett “Coronela”
inspiriert hätten, wurden auch später künstlerisch immer wieder zitiert.
Diego Rivera wird Posada und seiner calavera catrina
in der
“Sonntagsträumerei in der Alameda” 1947 ein Denkmal
setzen. Der Stand, den Posada
zu seinen Lebzeiten als Künstler hatte, sei schwer gewesen und auch noch
1943 wurde er laut Uhse nicht ausreichend gewürdigt. Die Umstände des
Entstehens seiner unzähligen Werke seien dafür Ursachen: Arbeiten hatten
meist eine geringe Auflage, sie waren für oft zahlungsschwachen
Auftraggeber, dazu kam ständiger Termindruck, da er immer aktuell sein
wollte und schließlich der einfache, ja grobe Stil, mit dem er dem
Volk möglichst verständlich sein wollte. Wer aber das “wahre”
Mexiko kennenlernen wolle, käme an Posada nicht vorbei. Uhse gibt ihm eine
gleichrangige Stellung mit den Muralisten. Auch wenn man Posadas eher
kleine Blätter nur schwer mit den vielen Quadratmetern großen Gemälden
vergleichen könne, hätte er genau die Mauern in seinen sozialkritischen
Bildern verewigt, auf die nur wenige Jahrzehnte später Rivera und seine
Kollegen die Geschichte Mexikos aufzeichneten.
aus: Versuche,
Berichte, Erinnerungen, S.509.
Seitenanfang
Bildquellen:
Hans F. Secker: Diego Rivera. Dresden 1957.
http://ashleysherry.tripod.com/halloween/catrina.html
Diego
Rivera
Als
Diego Rivera am 24.11.1957 stirbt, ist Bodo Uhse seit zehn Jahren wieder
in Deutschland. Er hat seinen Freund in dieser Zeit nur einmal noch, 1956
in Berlin - Rivera ist von seinem Krebsleiden schon gezeichnet und nach
einem Therapieaufenthalt in Moskau auf dem Heimweg nach Mexiko -
wiedergetroffen. Im Dezember-Heft der Zeitschrift „Aufbau“ erscheint Uhses
Nachruf „Diego Rivera zum Gedenken“.
Diego Rivera wird hier als einer der „drei Großen“ Mexikos
(neben Orozco und Siqueiros) gerühmt und Uhse stellt die Frage, ob mit
Rivera nicht auch die große Periode der mexikanischen Freskenmalerei
gegangen sei. Diese sei im Anschluß an die der Revolution von 1910
folgenden, die mexikanische Gesellschaft immer wieder erschütternden
Kämpfe entstanden und habe darin auch ihre Wurzeln.
Für
die Kunst der gewaltigen Wandgemälde, die Rivera schuf - Uhse erwähnt die
berühmtesten in der Universität, im Unterrichtsministerium, im Palast des
Cortés, in der Oper, im Nationalpalast, im Institut für Herzkrankheiten
und im Wasserwerk von Mexiko-Stadt - habe es günstige Ausgangspunkte
gegeben: Den Sinn des Mexikaners für Farbe und die ornamentale Kunst der
Indios, die Schule des Kubismus in seiner Pariser Zeit und die unendliche
Geschichte Mexikos, die zu erzählen sich Rivera auserwählt fühlte. In
„unverblümter Sprache“ komme Rivera vor allem immer wieder auf die drei
großen Erhebungen des mexikanischen Volkes: gegen die spanischen Eroberer,
gegen Kaiser Maximilian und gegen den Diktator Díaz. Sowohl Intellektuelle
als auch die einfachen Bauern können aus den Gemälden Riveras immer wieder
ablesen: Seinen Haß auf die
Unterdrücker und Ausbeuter Mexikos und seine Liebe zum indianischen
Volk.
Eine viel beredtere Auskunft über Diego Rivera und sein
Schaffen gibt uns Bodo Uhses sicherlich in seiner 1961 veröffentlichten
Erzählung „Sonntagsträumerei
in der Alameda“.
aus: Versuche, Berichte, Erinnerungen, S. 608.
Seitenanfang
David Alfaro Siqueiros
Bodo Uhse und David Alfaro Siqueiro kannten sich seit 1937,
beide waren sie in Spanien und kämpften gegen das Franco-Regime.
Siqueiro, erfahren im Kampf während der mexikanischen Revolution, hatte
hier den Grad eines Oberstleutnants inne. Uhse erfuhr erst später von
seiner Bedeutung für Mexiko als Künstler. Sie trafen sich bald nach Uhses
Ankunft in Mexiko wieder und pflegten von nun an regelmäßige
Kontakte.
Anlass der „Notizen über David Alfaro Siqueiros“ war die Uhse
1962 erreichende Nachricht, Siqueiros sei in Mexiko wegen "sozialer
Zersetzung" zu mehreren Jahren Gefängnis
verurteilt.
Er
beschreibt Siqueiros als zwiespältige Persönlichkeit: als den damals
populärsten Maler Mexikos, als glühenden Kommunisten, als trotz relativ
hohen Alters immer noch vor Zorn und Wut wie ein Jüngling sprühenden Mann.
Uhse besuchte den Maler während des Exils oft bei der Arbeit, beeindruckt
von den vor seinen Augen entstehenden Wandgemälden, er erwähnt
z.B. das Bild „Porträt
der Bourgeosie“, gemalt im Treppenhaus des Gebäudes der
Elektrizitätsarbeiter-Gewerkschaft.
Als
Geburtsurkunde der mexikanischen Wandmalerei, laut Uhse die größte
künstlerische Kollektivleistung seiner Zeit, bezeichnet er eine
Deklaration, die Siqueiros in seiner Rolle als Sekretär der Revolutionären
Gewerkschaft der Maler und Bildhauer 1922 verfasste, und in der er eine
dem Volk praktisch wie auch intellektuell zugängliche Kunst fordert. Zur
Durchsetzung dieser dort genannten Forderungen waren gerade die großen
Drei des mexikanischen Muralismus nötig: die „heroisch-poetische
Farbenzeichnung eines Orozco, die klug erzählende Kunstfertigkeit Diego
Riveras und ... das dynamische Temperament, die kühne Herzensunruhe des
David Alfaro Siqueiros“. Uhse sieht Siqueiros als immer wachen,
aufmerksamen, sich nicht zufriedengebenden Künstler, der stets auf der
Suche nach neuen Wegen ist, womit er nicht nur bei Auftraggebern, sondern
auch bei Freunden angeeckt wäre.
Auch fünfzehn Jahren später noch beschreibt Uhse begeistert
eine Ausstellung von Siqueiro anlässlich dessen 50. Geburtstages im Palast
der Schönen Künste in Mexiko-Stadt. Doch hier muss Bodo Uhse selbst zu
Wort kommen:
„Bezeichnend für die Ausstellung war, daß die Werke in ihrer
Anhäufung keineswegs ermüdeten,
sondern daß
sich im Gegenteil die Spannung des Betrachters von Bild zu Bild steigerte.
... Viele dieser Bilder - die meisten - sind mit Autolack, mit Pyroxilin
gemalt oder gar gespritzt. Ihre Oberfläche ist rauh, von unterschiedlicher
Tiefe, die Farbstriche - soweit man davon sprechen kann - sind bewegt
heftig, widerstreitend und voller Unruhe, so daß selbst die „Stilleben“
den Eindruck äußerster Spannung vermitteln. Die Unebenheit der Bildfläche
ist materialbedingt, wird aber bewußt verstärkt, um den Bildern noch mehr
Tiefe zu geben, die plastische Form soll die Perspektive verlängern. ...
Eines der Bilder, die er damals zeigte, war auf der mexikanischen
Ausstellung der Akademie zu sehen und fand viel Widerspruch. Es trägt den
Titel „Antlitz unserer Zeit“. Drohend und bedrückend ist der Eindruck
dieses nackten mächtigen Männertorsos mit den zulangenden übergroßen Händen
(wie in photographischer Verzerrung), auf dessen dickem Hals statt des
Kopfes ein ovaler Basalt sitzt.“
1964, ein Jahr nach Uhses Tod, wird David Siqueiros aus der
Haft entlassen.
aus: Versuche, Berichte, Erinnerungen, S. 648.
Bildquelle: Hans F. Secker: Diego Rivera. Berlin 1957.
alle erwähnten Texte in:
Bodo Uhse: Gesammelte Werke in
Einzelausgaben. Hrsg. von Günter Caspar, Band 6, Versuche, Berichte
Erinnerungen. Berlin 1983.
Seitenanfang
Kristin Silcher
letzte Bearbeitung: 26.10.01
|