Die FBI-Akte "Anna Seghers"
Ausgelöst wurde das Interesse der amerikanischen Behörden an Anna Seghers im Jahre 1940 durch eine öffentliche Kontroverse über den Versuch des mexikanischen Gewerkschaftsführers Vincente Lombardo Toledano, mit Unterstützung des Präsidenten von Mexiko, Lazaro Cardenas, eine Gruppe von deutschen Exilanten mit Notvisen auszustatten und von Frankreich nach Mexiko zu
bringen. In den USA gibt es einen Aktenbestand, von dem Anna Seghers selbst nichts geahnt hat, nahezu 1000 Blätter hat das Federal Bureau of Investigation mit Hilfe anderer US-Geheimdienste und Regierungsstellen während der 40er Jahre über Anna Seghers angelegt. Sie sind besonders für den Literaturhistoriker interessant, da sich in den Akten eine Vielzahl von Briefen und Hinweisen auf Lebens- und Arbeitsbedingungen der Exilanten sowie Kopien von Manuskripten befinden.
![]() Die Einsicht in diese Papiere erweist sich jedoch als recht schwierig. Da das FBI nicht alle Aktenstücke herausgibt, fehlen oftmals einzelne Blätter, die eine sinnvolle Klärung der Zusammenhänge zwischen den vorliegenden Akten ausschließen. Doch damit nicht genug. Selbst Dokumente, die das FBI freigibt, werden vorher einer detaillierten Bearbeitung unterzogen, d.h. nahezu alle einsehbaren Akten der Seghers sind durch Ausschwärzung mehr oder weniger schwerwiegend verstümmelt. Man geht davon aus, dass etwa 20-30% des freigegebenen FBI-Materials unleserlich gemacht wurden. Ausgeschwärzt werden u.a. alle Angaben, die die Persönlichkeitssphäre eines Beteiligten treffen sowie Angaben, die die Arbeitsweisen des Bureau anbelangen. Beteiligt an der Materialsammlung über Anna Seghers waren die Zentrale des FBI in Washington, die Field Offices in New York und in Mexiko-City und die FBI-Büros in Boston und Los Angeles. Sie sammelten Informationen von der US-Botschaft in Mexiko-City, der Division of American Republics des Department of State, dem Immigration and Naturalization Service (INS), dem Office of Naval Intelligence (ONI), der Military Intelligence Division der Armee (MID, oder auch G-2 genannt) und nach 1945 der CIA. Die Abteilung Postal Censorship des Office of Censorship übernahm die Überwachung der Post von Anna Seghers, fertigte Kopien und Übersetzungen an. Das FBI drang in Wohnungen Verdächtiger ein (League of American Writers, 1941), stellte Skizzen, Lagepläne und Fotos her, hörte Telefongespräche ab und beschattete Personen. Eine andere FBI-Abteilung beschäftigte sich mit der Auswertung verdächtiger Publikationsorgane, mit denen Anna Seghers in Verbindung stand, darunter Zeitungen wie Daily Worker, das Organ der KP der USA, und die New York Times, Zeitschriften wie New Masses oder einfachen Vorankündigungen und Prospekte. Besondere Aufmerksamkeit zogen Druckschriften aus Russland (Moscow News, Ogonok) und Exilzeitschriften (Freies Deutschland, Demokratische Post) auf sich. Spitzel, von denen einige sogar aus Emigrantenkreisen stammten, lieferten beim FBI Unterlagen und Berichte jeglicher Art ab, beispielsweise Namenlisten aus dem Hauptquartier des Joint Anti-Fascist Refugee Committee oder Informationen zur Beziehung zwischen Anna Seghers und Egon Erwin Kisch. Biographie "Anna Seghers" | Interviews | Flucht | Karte
|