Eine Überlieferung weiß von
dem Tod des Propheten,
dass er in einer Zeder zersägt wurde.
In seinem Leben hatte er
sich vor nichts und niemand gefürchtet .
Weder vor der Drohung der Mächtigen noch vor dem
Spott
von seinesgleichen
Weder vor den Häschern, die man ihm überall
nachschickte, noch vor den Steinwürfen, die ihn gelegentlich
aus der Menge
trafen. Weder vor den Tränen seiner Familie,
als die Stunde gekommen war, sie zu verlassen,
noch vor
der Leere der Wüste,
noch vor dem mannigfachen verwirrenden Lärm der
Volksmassen.
Er hatte
sich nicht gefürchtet,
in trägen Zeiten zum Widerstand aufzufordern.
Er hatte sich
nicht gefürchtet, die Seinen in eine Schlacht
zu
führen, von der er wußte, daß sie verloren war.
Er hatte sich
nicht gefürchtet, mit den Seinen in dieser Schlacht
zu fallen. Er war aber gar nicht gefallen.
Sein Volk war
erschlagen, und mit dem Volk verstummt
war die erhabene Stimme, von
der er gewohnt war,
Weisungen
zu empfangen. Da fing er an, sich zu fürchten.
Die Hörner der Schildwachen bliesen am
Rande der Schlucht.
Sie suchten in den Bergen nach Flüchtlingen.
Er kletterte
einem Flüßchen nach, bis er an eine Rodung kam.
Da lagen
Stapel von Zedernstämmen.
Die Holzarbeiter waren wohl vor der Schlacht
davongegangen.
Er kroch in
einen Holzstapel.
Die Hörner
der Schildwachen kamen näher, er fürchtete sich,
er
kroch in ein hohles Zedernholz.
die Hörner der Schildwachen zogen vorüber, es wurde
Nacht,
nur das Flüßchen rauschte. Er aber fürchtete sich,
sein Versteck zu verlassen. Es wurde Morgen.
Die Holzarbeiter kamen zurück, die Fäller und Flößer,
mit ihrer Säge, mit Äxten und Stricken.
Er hätte jetzt auf seine Füße
springen müssen, er hätte die Flößer und Holzfäller
ansprechen müssen, wie er gewohnt war,
die Menschen anzusprechen. Er aber fürchtete sich
vor den Holzarbeitern. Der Aufseher kam und ließ seine Leute
das Holz auf die Säge
tragen.
Er hätte jetzt noch herausspringen können,
er fürchtete sich
vor dem Aufseher der Holzarbeiter.
Jetzt wurde
ein Stamm nach dem anderen vor die Säge gelegt.
Ihm blieb jetzt noch ein Augenblick,
um sein Versteck zu verlassen.
Er fürchtete sich,
so
daß er,
wie
man von ihm berichtet,
in einer Zeder
zersägt wurde.
Edition Schwarzdruck
1993
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05.06.01