Anna Seghers schätzte Wieland Herzfelde als Freund wie als Verleger und Autor. Sie war mit ihm und seinem Bruder John Heartfield seit ihren Tagen beim Malik Verlag in Berlin und Prag bekannt.
Im Jahr 1940 befand sich Anna Seghers noch in Frankreich auf der Flucht vor den vorrückenden deutschen Truppen, während Wieland Herzfelde es schon in die Exilstadt New York geschafft hatte. Dort lebte er mit seiner Familie in bescheidenen Verhältnissen. Tagsüber arbeitete er in einem kleinen Briefmarkengeschäft, um ihr Leben zu finanzieren. Auch der Sohn konnte mit seinem Talent als Eiskunstläufer etwas zum Unterhalt beitragen. Mit dem wenigen Geld, das übrig war, besorgte Herzfelde sich eine Schreibmaschine und Papier. Gemeinsam mit anderen deutschen Autoren wie F.G. Alexan, Brecht, Waldinger und Weiskopf begann er, einen eigenen Verlag für deutschsprachige Exilliteratur aufzubauen. Ausgehend vom Tribüne Verlag war zunächst eine Schriftreihe zu diesem Thema geplant. Doch schnell stellte sich heraus, wie wichtig ein eigener Verlag für die, in alle Welt zerstreuten, Autoren war. Dies war eine Möglichkeit, die exilierte deutsche Literatur am Leben zu erhalten und die Erfahrungen mit dem Krieg und der Flucht mit anderen zu teilen. Herzfelde übernahm bei der Beschaffung von nötigen Geldern, Zusammenstellung der Beiträge, sowie der eigentlichen Gründung eine federführende Rolle, wobei er zusammen mit Waldinger und Weiskopf eine Art Vorstand bildete. Andere Autoren wie E. Bloch, F. Bruckner, A. Döblin, L. Feuchtwanger, O. M. Graf, H. Mann wurden als Gründer genannt, ihre jeweiligen Rollen und Art der Beteiligung im Verlag sind jedoch sehr unterschiedlich. Am 1. Dezember 1943 wurde der Aurora Verlag schließlich ins Leben gerufen.
Für Anna Seghers, die während ihrer Flucht weiter schrieb, bedeutete die
Aussicht auf Veröffentlichung eine große Unterstützung und Hilfe bei der
Arbeit an Erzählungen wie Der Ausflug der toten Mädchen oder
Die Drei Bäume
Ihren großen Roman Das Siebte Kreuz veröffentlichte
sie jedoch bei einem anderen Verlag.
Ihre Briefe an Wieland Herzfelde sprechen nicht nur von der alltäglichen Not, sondern legen auch Zeugnis ab von ihrem Bedürfnis nach intellektuellem Austausch.
Überliefert aus den
letzten Jahren ihrer Zeit in Frankreich 1939/40 sind lediglich drei Briefe an Wieland
Herzfelde. Sie sprechen eindrücklich von der Situation Anna Seghers', die mit
ihren beiden Kindern Pierre und Ruth in Richtung Marseille flüchtete und dabei immer wieder von befreundeten
Familien aufgenommen wurde. Am
1.September 1939 schreibt sie unter anderem auch von der schwierigen psychischen
Situation, in der sie sich damals befand:
"Lieber Wieland, ich schreibe Dir
in einem sehr kritischen Moment. Bis Du den Brief hast, werden wir alle wissen,
was aus uns geworden ist. Dann wird es hoffentlich nicht mehr real sein, wenn
ich gestehen muss, dass es mir heute Abend ziemlich beklommen zumut ist. Denn
ich sitze da herzlich allein mit meinen zwei Kindern, und der ganze Ort ist leer
und totenstill. Wir sind alle in keiner besonders reizenden Lage, ich schon gar
nicht."
Die deutschen Exilanten versuchten, sich gegenseitig - so weit
wie möglich - zu helfen, nicht nur in Form von Bürgschaftsschreiben, die für
die Ausreise benötigt wurden, sondern auch ganz profan mit Geldleistungen.
"Wenn Du auf Menschen stößt, die da helfen können, dann mach
was.(...)Wie es jetzt weitergeht, wo ich von allen Möglichkeiten ziemlich
abgeschnitten bin, ist mir ein Rätsel."
Auch im Januar 1940 kommt sie darauf zurück:
"Lieber Freund, man muss mir unbedingt Geld
schicken."
Ende 1939 schickt Anna Seghers erneut einen Brief
in die USA.
Ihre Situation scheint sich etwas entspannt zu haben, sie beschäftigt sich viel
mit dem Entwickeln neuer Ideen und Schreiben:
"Lieber Wieland, ich sage
mir, dass ich auf jeden Fall fortfahren will zu schreiben, was ich mir
vorgenommen habe, trotz der Schwierigkeiten. Das einzige, worum ich Euch bitte,
dass Ihr für meine Arbeit alles tut, was ihr könnt."
Die Wichtigkeit
dieser Arbeit betont sie gegenüber dem Freund und Kollegen besonders:
"Man
ist manchmal schrecklich allein, aber wenn ich arbeite, wenn ich meine
Erzählungen und meine Romane schreibe, bleibe ich ruhig und tapfer und
fröhlich. Ich glaube, Du verstehst mich."
Am 2.10.1943 bittet
Herzfelde die Seghers brieflich:
"um eine Erzählung im Umfang von 32-64
Seiten und im Zusammenhang oder wenigstens in Bezug auf die Kämpfe der letzten
Jahre".
Zu dieser Zeit ist Anna Seghers und ihrer Familie schon die Flucht nach Mexiko geglückt. Dort gründet sie selbst gemeinsam mit Paul Mayer und Walter Janka den Verlag El Libro Libre, bei dem sie auch selbst veröffentlicht. Dennoch sagt sie Herzfelde eine Erzählung zu. Er möge wählen zwischen "Geschichte von den vier Saboteuren" oder "Der Ausflug der toten Mädchen". Gemeinsam mit seinen Co-Herausgebern entschließt er sich für die letztere. Dennoch sollte es noch drei Jahre dauern, ehe der Finanzierungsplan für den Plan ausgereift genug war, um mit der Drucklegung beginnen zu können.
1946 schließlich erschien die Erzählung "Der Ausflug der toten Mädchen" im Aurora Verlag mit einer Auflage von 4.000 Exemplaren.
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Julia Oesterreich: Email
Quellen:
Anna Seghers/ Wieland Herzfelde - Gewöhnliches und Gefährliches Leben. Ein Briefwechsel aus der Zeit des Exils. Berlin und Weimar: Aufbau-Verlag. 1985
Tribüne und Aurora: Briefwechsel
1940-1949, Wieland Herzfelde u. Berthold Viertel. Hrsg.: Akademie der
Wissenschaften und Literatur. Mainz: v. Hase und Koehler. 1990
"Anna Seghers - Flucht durch Frankreich"
letzte Aktualisierung: 13.01.2001