Lesart zu Anna Seghers' „Die drei Bäume“


Der Baum des Ritters

Der Baum des Jesaias

Der Baum des Odysseus

(In: Anna Seghers, Erzählungen 1926-1944. Gesammelte Werke in Einzelausgaben, Bd.IX, Berlin und Weimar: Aufbau-Verlag 1981, S. 273ff.)

Anhand von drei kurzen Texten zeigt Anna Seghers in ihrer Erzählung „Die drei Bäume“ die andere Seite des Sich-Versteckens, die mit Angst, Einsamkeit und Desorientierung verbunden ist. In den ersten beiden Geschichten werden die Todesangst und die Furcht beschrieben. Der Ritter und der Prophet Jesaia finden in einem Baum, in dem sie Zuflucht und Sicherheit suchen, ein qualvolles Ende.

Der Baum des Ritters ist „alt und mächtig“(S.273), bietet dem aus Todesangst Flüchtenden Zuflucht und wird schließlich zum Grab. Ein Flüchtlingsschicksal, das an der Gleichgültigkeit der Umgebung zugrundegeht. Wenn das auf ein Exilland bezogen wird, dann lebt dort jeder sein Leben weiter, ohne auf die Nöte und Ängste eines anderen fremden Menschen zu achten.

Auch der Baum des Jesaia, der ihn schützen sollte, wird schließlich seine letzte Ruhestätte. Der Prophet fühlte in seinem Leben nie Angst oder Furcht. Die heimatliche Gemeinschaft, Freunde und Familie bewirken Ruhe, Frieden und ein Gefühl der Geborgenheit. Erst als sein Volk erschlagen und dessen Stimme verstummt war, „fing er an, sich zu fürchten“. Die Flucht in ein anderes Land, dessen Sprache man nicht versteht und dessen Kultur fremd ist, verursacht oft ein Verstummen der Menschen. So ergeht es auch einigen Schriftstellern, die in der Sprache keine Zuflucht mehr finden. Die Sprache, mit der sie sich ausdrücken und mit der sie ihren Lebensunterhalt verdienen, wird belanglos. Für wen sollen sie schreiben, wenn es keine Heimat mehr gibt, wenn sie in der Fremde nicht verstanden werden und keinen Verleger finden? Bei fehlenden einflußreichen Freunden scheint das Leben keinen Sinn mehr zu ergeben. Das kann sogar zum Selbstmord führen (Bsp. Walter Benjamin).

Erst die letzte Episode beinhaltet eine Hoffnung auf einen Neuanfang. Die Heimkehr des Odysseus nach „zehn Jahre(n) Irrfahrten“ und „zehn Jahre(n) Troja“ bedeutet für seine Frau auch Zweifel an seiner Identität, so daß sie auf etwas anspielt, was nur Odysseus wissen kann: das Bett aus einem Baumstumpf herausgearbeitet, der nicht verrückbar ist. Der Baum des Odysseus ist tief verwurzelt, nicht verpflanzbar und verkörpert somit die Heimat. Hier werden die verschiedenen Aspekte der Rückkehr in die Heimat, die man sich nicht aussuchen kann, angesprochen. Woran soll man die Heimat erkennen? Ist es noch das Land, das man geliebt hat und in dem man aufgewachsen ist? Nach Jahren der Abwesenheit hat sich einiges verändert. Auch kann die Erinnerung an schreckliche Erlebnisse in der Heimat die alte Vertrautheit beeinträchtigen. Inwiefern wußten die Daheimgebliebenen von den Verbrechen? Es ergeben sich Zweifel, die schwer zu überwinden sind. Viele zerbrechen daran. Es ist viel Zeit vergangen. Zeit, die auch Wunden hinterläßt. Doch ebenso problematisch erscheint es nach langer Trennung von Familie, Partnern oder Freunden. Wie soll man die alte Verbindung, Vertrautheit wieder aufnehmen? Die Erlebnisse beeinflussen die Ansichten und Lebensweisen der Menschen, so daß es oft zu Zweifeln kommt, ob das noch die Person ist, wie man sie kannte. Wenn selbst das Herz nichts mehr sagt, wie ist dann ein gemeinsamer Neubeginn möglich?

Silvana Jung



"Anna Seghers - Flucht durch Frankreich"

06.06.01