1. Die gescheiterte Flucht

Kurz vor der Flucht

Anna Seghers „wohnte mit ihrer Familie bis zum 10. Juni 1940, wenige Tage vor dem Einmarsch der Deutschen, in Bellevue, 26 Avenue du 11 Novembre 1918, im ersten Stock eines Zweifamilienhauses mit Garten.“ (Zehl-Romero 2000, S. 288) Anfang April 1940 wurde ihr Mann von der französischen Polizei aufgrund seiner antifaschistischen Tätigkeit verhaftet. Zunächst brachten sie ihn in das Sportstadion Roland Garros, danach kam er ins Internierungslager Le Vernet.

Flucht bis Pithiviers le Vieil

Erst am 10. Juni, als die Deutschen Paris immer näher kamen, begab sich Anna Seghers, von Jeanne Stern gewarnt, mit ihren Kindern auf die Flucht per Lastwagen, per Zug und zu Fuß.

"In unserer Wohnung konnten wir nicht bleiben, die Gestapo musste die Adresse kennen. Wir fuhren einige Stationen mit der Eisenbahn, dann gingen wir zu Fuß. Der Treck war wie alle Trecks in alle Himmelsrichtungen, von denen ich später als Erwachsene erfuhr. Die Menschen waren müde, hungrig, schmutzig. Sie hatten Angst. Ich sehe vor mir noch einige Bilder: Während der Rast saßen wir drei Kinder am Rande der "Route d´Orléans" und lasen den "Grafen von Monte Christo" in kleinen Bänden. Auf beiden Seiten der Straße unendliche Weizenfelder, die Beauce. Man verdächtigte uns, Spione zu sein, weil unsere Mutter ein ungarisch beschriftetes Pithiviers le Vieil Medikamentengläschen fallen ließ. Wir wurden beschossen von italienischen und deutschen Flugzeugen [...]“ (Ruth Radvanyi In: Wagner/ Emmerich/ Radvanyi: 1994, 93)

Ihr Ziel war es, über die Loire zu kommen. Sie „gelangten [..] über Monthlery, Bretigny, Etampes und Angerville bis nach Boisseaux, südlich, aber nicht sehr weit von Paris, wo sie ihr Gepäck im Zug zurückließen und in der Nacht weiterwanderten, bis sie erschöpft in einem Bauernhof in Pithiviers le Vieil landeten.“ (Zehl-Romero 2000, S.359)

Rückkehr von Pithiviers nach Paris

"Wir kamen in ein kleines verlassenes Dorf, waren erschöpft, hatten kaum etwas gegessen. Nur einige Flüchtlingsfamilien waren bis dorthin gekommen. Wir gingen in ein Bauernhaus und schliefen dort. Am nächsten Morgen marschierten die Deutschen ein. Da bekam meine Mutter richtig Angst. Ich glaube, sie hat sogar einige Sachen zerrissen.“ (Pierre Radvanyi In: Wagner/ Emmerich/ Radvanyi: 1994, 94)

In diesem Dorf blieben sie etwa eine Woche und kehrten nach dem Waffenstillstand nach Paris zurück, da von den Deutschen der Befehl erlassen wurde, dass Pithiviers le Vieil die Flüchtlinge in ihre ursprünglichen Wohnorte zurückkehren sollten. Aus Angst vor der Gestapo ging die Familie nicht in ihre Wohnung nach Meudon zurück, sondern übernachtete in kleinen Hotels. Später versteckten sie sich bei Freunden. Jeanne Stern über diese Situation:

„Sie übernachtete, wo es sich gerade ergab. Sie wechselte oft das Quartier. Der Sohn hatte bei Bekannten ein Obdach gefunden. Die Tochter schlief bei uns.“ (Stern, Jeanne In: Über Anna Seghers. Ein Almanach zum 75. Geburtstag. Berlin und Weimar 1975, 82.)

Letzter Versuch: Sowjetische Botschaft

"Am 13. Juli [1940] kam Anna Seghers in die Botschaft. Sie wurde verfolgt, schwebte in Todesgefahr. Sie bat darum, ihr zur Flucht in die "Freie Zone" zu verhelfen." (Ilja Ehrenburg: Menschen Jahre Leben. Memoiren. Bd. II, Berlin 1978, ?)

Der verzweifelte Versuch Anna Seghers, von der sowjetischen Botschaft Hilfe zu erhalten, ergab kein Ergebnis. Mit Hilfe ihres Sohnes, der akzentfrei Französisch sprach und als Schüler nicht so auffiel, wurden Botengänge erledigt und Verbindungen aufrechterhalten. So konnte er in Erfahrung bringen, dass die Gestapo schon in der Wohnung in Meudon gewesen war und Nachbarn befragt hatten. Damit war klar, daß Paris kein sicherer Ort für die Familie bedeutete und eine zweite Flucht gewagt werden mußte.



Literatur:

Ehrenburg, Ilja: Menschen Jahre Leben. Memoiren. Bd. II, Berlin 1978

Radvanyi, Pierre: Erinnerungen. In: Argonautenschiff 3(1994), S. 185-192

Schätte, Ulrike: "Ich bin mein Leben lang eine Doppelstaatlerin gewesen" Gespräch mit Jeanne Stern. In: Argonautenschiff 7(1998), S. 216-225

Stern, Jeanne: Das Floß der Anna Seghers. In: Batt, Kurt (Hrsg.): Über Anna Seghers. Ein Almanach zum 75. Geburtstag. Berlin und Weimar 1975

Wagner, Frank/Emmerich, Ursula/Radvanyi, Ruth: Anna Seghers eine Biographie in Bildern. Berlin und Weimar 1994

Zehl-Romero, Christiane: Anna Seghers. Eine Biographie 1900-1947. Teil 1. Berlin 2000



Stefanie Gerdaus u. Silvana Jung



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06.06.01