aus: Anna Seghers "Transit" (Aufbau-Verlag, 1951)
zusammengetragen von Stefanie Gerdaus:
"Schließlich stießen wir auf die Pariser Straße. Wir waren wirklich noch längst nicht die letzten. Aus den nördlichen Dörfern ergoß sich noch immer ein stummer Strom von Flüchtlingen. Erntewagen, hoch wie ein Bauernhaus, mit Möbeln beladen und mit den Geflügelkäfigen, mit den Kindern und mit den Urahnen, mit den Ziegen und Kälbern, Camions mit einem Nonnenkloster, ein kleines Mädchen, das seine Mutter auf einem Karren mitzottelte, Autos, in denen hübsche steife Weiber saßen in ihren geretteten Pelzen, aber die Autos waren von Kühen gezogen, denn es gab keine Tankstellen mehr, Frauen, die sterbende Kinder mitschleppten, sogar tote." (S. 9)
"Die Deutschen waren schon da! Sie hatten mich überholt. Ich weiß nicht, was ich mir unter der Ankunft der Deutschen vorgestellt hatte: Donner und Erdbeben. Es geschah aber zunächst gar nichts anderes als die Anfahrt von zwei Motorrädern hinter dem Gartenzaun. Die Wirkung war ebenso groß, vielleicht noch größer. Ich saß gelähmt. [...] Zum erstenmal in meinem Leben spürte ich Todesangst." (S. 11)
"Jedenfalls war jetzt mein Traum zu Ende, über die Loire zu kommen. Ich beschloß, nach Paris zu gehen. Ich kannte dort ein paar ordentliche Leute, falls sie ordentlich geblieben waren." (S. 12)
"Ich zog nach Paris in fünf Tagesmärschen." (S. 12)
Zurück zu "Die gescheiterte Flucht"
"Anna Seghers - Flucht durch Frankreich"
06.06.01