Transport I

Paris sieht, umnachtet
und von einem Polizeiwagen aus
betrachtet,
ganz anders aus,
als man es kannte,
da noch die Seine für uns
in tausend Reflexen brannte.

Wenn man wie eine Räuberhorde
die Quais entlang
und über die Place de la Concorde
gefahren wird,
ist der Blick in der alten Bekanntschaft
wie in einer Mondlandschaft
jäh erschwert und verirrt,
und das Herz wird krank.

Wer hätte gedacht,
daß Notre Dame,
die sonst wie ein
breitbrüstiges Schiff entgegenkam,
in der Nacht
mit ihren Stümpfen
wie ein böse stechendes Tier
zwischen den stumpfen
Baumrümpfen
hockt und lauert?

Während über der engen Fahrt
trübe blitzernd der Regen
dauert,
eilen, vom eiligen Blick
bedauert,
dunkel und zart
Frauen der Ruh
in den Häusern zu,
Häusern wie die, in denen
auch wir
gewohnt haben.



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Lagerstrasse


So viel Licht
und Lärm
ist auf Broadway nicht,
und nicht so viel Gehärm


und so viel Sorgen,
wie auf der Straße vor den
Baracken
am frühen Morgen,
wenn durch Wipfelzacken


mühsam die Herbstsonne
scheint.
Hörst du die Stimme am Ende
der Nacht,
die um ein zurückgelassenes
Mädchen weint?
Hörst du die unerschöpfliche
Macht


der Masse, die in den Morgen
lacht?
An beiden Borden rieselt das
Wasser,
und die Rümpfe der Wäscher,
der Wasserprasser,
scheinen gelb in der
Herbstespracht.


Werd ich auf diesen
Pflastern
noch lange nutzlos und
sinnlos stehn?
Ich möchte die letzten
Astern
nicht mehr verblühen sehn.



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Kantine


Für eine Schachtel
Streichhölzer
gäb jeder gern ein Achtel
Wein, wenn er eines hätte.


Für die Schachtel
Streichhölzer,
bekäm sie einer, schmölz er
ne Stange Gold, wenn er sie
hätte.


Für eine Zigarette
verkaufte jeder sein Bette,
wenn er eins hätte.


Und gar an ein Pfund Trauben
wagt keiner in der Schlange
noch zu glauben,


weil die adrette, nette
Kantinenfrau schon lange
lange nichts mehr hat.


Wie gern gäb sie, wie gerne
Sonne, Mond und Sterne,
wenn sie sie nur hätte!


Es bleibt kein Tabakblatt,
kein Knopf und kein
Schuhbandel.
So gehn Handel und Wandel
in unsrer Bretterstadt - -
Wenn nur wer wo was hätte!



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Aufruf


Hier ist ein levantischer
Bauernjunge,
immer lächelnd, gut und
gefällig,
mit klugen Augen und sehr
anstellig,
mit gelenkigen Gliedern und
flinker Zunge.


Dem hat, als er im
republikanischen Heere
kämpfte, kaum kann er es
selber sagen,
ein Franco - Flieger mit
einer einzigen schweren
Bombe die ganze Familie
zerschlagen.


In aller großen Weite der
Welt verbleibt
niemand, der an Jose mal
denkt,
niemand, der ihm was Liebes
schreibt,
niemand, der ihm was Gutes
schenkt.


Wir möchten allen Freunden
zurufen: He,
schreibt auch einmal an
Sancho Jose!
Schickt ihm irgendwas in
einem kleinen Paket,
daß er auch einmal auf einer
Adresse steht,


daß, wenn die Fülle von
Namen schwirrt,
auch Jose Sancho einmal
aufgerufen wird!
Hört, Freunde überall, es
muß an Jose Sancho geschrieben
werden, damit er weiß, daß
auch ihn Freunde lieben!



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Tagesbefehl


Das ist eine Feier gewesen,
ein Höhepunkt der Natur -
es ward ein Befehl verlesen
von der Kommandantur.


Die Generäle dankten -
zwar blieben sie gar nicht
stehn;
daß wir vor Hunger
schwankten,
haben sie nicht gesehn.


Die Generäle dankten
besonders dem Lazarett;
woran die Kranken krankten,
den Mangel an Wasser, den
Mangel an Fett,
den Mangel an Freiheit, den
Mangel an Licht,
an Besen, Chlor, Vitaminen
und Bett -
wußten sie nicht.


Die Generäle dankten
für Ordnung und Disziplin,
für Stehn und Dienst und
Taten,
dafür, daß wir nicht zankten
und ihnen nicht entfliehn,
für Brechen und für Biegen
für Ruhe und guten Wind;


sie haben ganz verschwiegen,
daß wir nicht ihre Soldaten,
sondern Gefangene sind.



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Tod

Der erste von uns ist
gestorben heute
in einem fremden
Krankenhaus,
da waren um ihn keine Leute.


Er liegt erstarrt
und sieht wie jede Leiche
aus.


Die Unsern wollten ihm
Blumen binden,
irgendeinen kleinen Strauß,
sie konnten keine Blumen
finden.


Das Leben ist bitter, der
Tod ist hart,
und sein Tod ist nicht mal
ein Graus.


Er liegt in einer
Bretterkiste,
an die noch eine Katze
pißte.


Er wollte keinen Priester
haben,
man wirft allein ihn in den
Graben,


er wird verscharrt.




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Grammatik


Mehrere Grad unter Null.
Der Boden ist hart gefroren
unter niedrigem Wolkenmull,
allen brennen die Ohren.


Daß vielen der Mantel fehlt,
hält die Brust in des Nordwinds Zange.
Das Tränenwasser vermehlt
den dünnen Staub auf der Wange.


Mit großen erstarrten Händen
ohne Handschuh und Tücher
streichen sie, falten sie, wenden
die Seiten der Lehrbücher.


Grammatik in Frost und Schnee -
das ist die beste Schar,
das ist der Durchschnitt sogar
im Lager du Vernet.





Quelle: Le Vernet - Gedichte. Herausgegeben und zusammengestellt von Maximilian Scheer. Berlin 1961

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08.06.01