Literarische Schwerpunkte und Schreibweise
Ernst Weiß’

Ernst Weiß findet in seinen Werken zumeist einen auf das Individuum zentrierten Zugang zu den behandelten Themen, also einen solchen, der auf der Ebene des einzelnen Menschen und dessen Beziehungen zu seiner Umgebung seinen Weg findet. Die Texte bedienen sich dabei einer „psychologischen“ Schreibweise, das heißt sie bieten den Motiven und dem Innenleben der Protagonisten viel Raum. Gesellschaftliche Phänomene werden auf diese Weise zwar durchaus mit behandelt, jedoch zumeist indirekt, also am Beispiel der Probleme einer bestimmten Person und an dieser eventuell sinnbildlich herauslesbar.

Die Thematik seines Werkes im Allgemeinen sowie die Schwerpunkte der Werke im Einzelnen sind Wandlungen unterworfen, einzelne Texte wurden mehrfach überarbeitet und in neuen Auflagen veröffentlicht.

Zentrale Themen sind zum Beispiel die Schwierigkeit der Beziehungsbildung vor dem Hintergrund des egoistischen Individuums, aber auch das Aufeinander-angewiesen-und-aneinander-gekettet Sein. Vor allem in den vom Ersten Weltkrieg beeindruckten Texten spielt auch das der Übermacht der ihn umgebenden Kräfte über den Menschen sowie das Leben auf dem „Stern der Dämonen“, der Erde, auf dem sich die Menschen gegenseitig das Leben zur Hölle machen, eine hervorstechende Rolle. Vor allem in den späteren Romanen hingegen werden die Protagonisten in den Schatten beherrschender Vaterfiguren gestellt, aus deren Einfluß, sei er auf besondere Stärke oder versagende Schwäche beruhend, sie sich nicht befreien können.

Beeinflußt war Weiß' Schaffen auch stark von dessen eigenem Beruf, nicht wenige seiner Hauptpersonen sind selbst Ärzte. Eine eindeutige Identifizierung mit seinen Protagonisten hat Ernst Weiß jedoch zu vermeiden gesucht, indem er einzelne Elemente seiner Identität, zum Beispiel das Judentum, systematisch ersetzte. So zeichnen sich einige seiner Personen im Gegenteil durch einen besonders stark ausgeprägten Katholizismus aus, wodurch schon gesagt ist, das auch religiöse Motive verschiedener Ausprägung eine merkliche Einwirkung auf verschiedene Teile von Ernst Weiß' Schaffen genommen haben.

Diese sehr oberflächliche, verkürzende und verallgemeindernde Darstellung soll keinesfalls einen genaueren Blick auf das Werk des behandelten Schriftstellers verstellen, vielmehr wäre es wünschenswert, wenn sie zu einer genaueren Lektüre anregte. Vordergründig verfolgt sie jedoch den Zeck, aufzuzeigen, inwiefern Anna Seghers eigenes Schreiben sich vom Weißschen unterscheidet und wo Anna Seghers Ansatzpunkte und Motivationen fand, Weiß als Figur in ihren Roman "Transit" einzubauen.

Literaturverweise:

Margarita Pazi, Ernst Weiß, Frankfurt am Main 1993; H. L. Arnold [Hrsg.]

Text+Kritik Nr. 76 Ernst Weiß, Oktober 1982



Zusammengestellt von Fabian Börchers



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13.06.01