Anna
Seghers argumentiert über den zweistufigen Schaffensprozeß der Schriftsteller:
Auf der ersten Stufe nimmt der Künstler die Realität scheinbar unbewußt und unmittelbar auf, er nimmt sie ganz neu auf, als ob noch niemand vor ihm dasselbe gesehen hätte, das längst Bewußte wird wieder unbewußt; auf der zweiten Stufe handelt es sich darum, dieses Unbewußte wieder bewußt zu machen. [...] wenn es unendlich wichtig ist, über diese erste Stufe der primären Reaktion auf die Wirklichkeit hinauszukommen. So ist es nicht minder wichtig, nie zu vergessen, daß eben jene primäre Reaktion die Vorbedingung ist, die Voraussetzung künstlerischen Schaffens [...] In den letzten fünf Jahren sind öfters Genossen zu mir gekommen, begabte und wenig begabte und unbegabte, im Vollbesitz der Methode des Realismus, so glaubten sie wenigstens. [...] Sie hatten es fertig gebracht die ganze Welt zu entzaubern. Bei ihnen war jene primäre Reaktion [...] vollständig verschüttet, oder sie war überhaupt nicht vorhanden. Sie schilderten eine unerlebte Welt, die auch für den Leser unnacherlebbar wurde [...] Je bewusster der Mensch nämlich lebt, je klarer seine Einsicht ist in die gesellschaftlichen Zusammenhänge, desto schwerer kommt ihm im allgemeinen das, was Tolstoi nennt: wieder unbewußt machen [...] Gestern, wie heute kann das Zögern eines Künstlers, auf die Realität zuzusteuern, ganz verschiedene Ursachen haben. Pures Unvermögen (z.B. solches, das sich aufpustet in einem Ismus) oder u.a. auch die sogenannte Furcht vor der Abweichung." (Walter,126/127)
(Ein Briefwechsel zwischen Anna Seghers und Georg Lukács. In: Internationale Literatur/ Deutsche Blätter, Moskau, 9.Jg.,H.5, Mai 1939, S.98ff.)
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14.06.01