Anna Seghers im Exil in Frankreich: Transit-Station Marseille

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Anna Seghers - Exil in Frankreich

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Nur knapp drei Monate, vom 30. Dezember 1940 bis zum 24. März 1941, lebte Anna Seghers mit ihren Kindern, dem fünfzehnjährigen Pierre und der dreizehnjährigen Tochter Ruth, in Marseille. Wahrscheinlich hat sich die ganze Familie Silvester 1940, einschließlich Laszlo Radvanyi, im Hotel Aumage, ihrem Marseiller Quartier, getroffen. Daß die gesamte Familie am 30. und 31.Dezember zusammensein konnte, war allerdings eine Ausnahme, wie die weiteren sechs Gelegenheiten, an denen Laszlo Radvanyi (Rodi) „Urlaub“ aus dem Lager Les Milles erhielt, um sich in Marseille um seine Paßangelegenheiten kümmern zu können. Erst am 23. März 1941 kommt er unter der Bedingung, Frankreich am nächsten Tag zu verlassen, aus dem Internierungslager frei.

Anna Seghers war bereits im Oktober 1940 in Marseille gewesen und von der Stadt begeistert. Allerdings war die dort erfahrene versagte Unterstützung bei der Besorgung von Einreisevisa in die USA eine schwere Enttäuschung. In ihren Bemühungen, für sich und ihre Familie die Ausreise aus Frankreich zu organisieren, sowie die Freilassung Rodis aus dem Internierungslager zu bewirken, wurde die Kraft und Zuversicht der Anna Seghers auf eine harte Probe gestellt. Sie hatte, wie die vielen anderen Exilanten, mit der zunehmenden Bedrohung durch die deutsche Besatzung und den komplizierten rechtlichen Bedingungen zu kämpfen.

In Marseille, dem Auffangbecken aller Flüchtlinge, der Stadt der Konsulate mit dem verheißungsvollen Hafen, versucht Anna Seghers wiederum, durch ein alltägliches Leben der Verzweiflung und der Hoffnungslosigkeit entgegenzuwirken. So gehen die Kinder zur Schule, sie selbst arbeitet viel in Bibliotheken und steht nach Lebensmitteln an. Unter großem Zeitdruck und mit dem Bewußtsein der Gefahr treibt Anna Seghers die Abreise voran. Diese Situation des Bangens und Kämpfens, mit den ständigen Anträgen, dem Schlangestehen bei den Konsulaten, den Bitten um Hilfe und Unterstützung, den Anfragen bei Freunden und Bekannten, auch um finanziellen Beistand, dieser Transitzustand hat Anna Seghers viel Kraft gekostet. Die Zeit voll Ungewißheit und Angst vor dem endgültigen Verlassen des europäischen Kontinents und der damit verbundenen Trennung von ihren kulturellen und sprachlichen Wurzeln hat Anna Seghers in Briefen mit dem Gefühl des tot und außerhalb der Welt Seins beschrieben.

In ihrem Roman „Transit“, den Anna Seghers schon in Marseille begonnen und im Herbst 1942 in Mexiko beendet hat, verarbeitet sie diese traumatische Zeiterfahrung.

Das Transitleben sollte für Anna Seghers und ihre Familie bis zum 24.3.1941 andauern. Dann verläßt sie gemeinsam mit anderen Flüchtlingen wie z.B. André Breton, Alfred Kantorowicz mit Frau und Claude Lévi-Strauss auf dem Frachtdampfer „Paul Lemerle“ Marseille (Zehl Romero, 370).

Doch die Odyssee geht weiter, erst am 30. Juni 1941 kommt die Familie in Mexico-City an.



14.06.01