"Ich hatte bereits ein Billett für die ExportLinie. Mein amerikanisches Visum war bewilligt. Doch als ich mich zur Verlängerung neuerdings zu dem Konsul begebe, da heißt es, ich brauche ein neues, ein einwandfreies Affidavit, eine moralische Bürgschaft, das Zeugnis amerikanischer Bürger, dass ich völlig makellos sei. Wo sollte ich, eine Frau, die immer allein lebt, zwei amerikanische Bürgen hernehmen, die für mich ihre Hand ins Feuer legen, dass ich nie Geld unterschlagen habe, den Russenpakt verdamme, den Kommunisten nicht gewogen bin, nicht war und nicht sein werde, keine fremden Männer in meinem Zimmer empfange, ein sittliches Leben führe, führte und führen werde? Ich stieß in ziemlich verzweifeltem Zustand auf ein altes Paar aus Boston, die wohnten einmal im Sommer mit mir an einem Ort an der Küste, der Mann ist etwas bei der Electromotor, das ist etwas, was der Konsul achtet. Die wollten sofort mit dem Klipper weg, so wenig gefiel es ihnen noch hier, nur liebten sie ihre zwei Hunde, doch die durften nicht in den Klipper. Wir klagten uns unsere beiden Verzweiflungen, da war uns beiden zu helfen. Die beiden amerikanischen Menschen bekamen von mir das Versprechen, die Hunde heil über den Ozean zu bringen auf einem gewöhnlichen Schiff, und ich bekam die moralische Bürgschaft. Sie werden jetzt ohne Zweifel verstehen, warum ich diese zwei Hunde, die meine Bürgen sind, wasche, bürste, hege. Ich würde sie auch mit mir über den Ozean schleppen, wenn sie Löwen wären." (Transit, S. 97)
Die USA galten als das Hauptland der überseeischen Emigration. Spätestens nach
dem Waffenstillstand von Compiègne nahm auch die Auswanderungsbestrebung aus
Frankreich in die "Neue Welt" zu. Dieses Stück aus Transit belichtet
die großen Schwierigkeiten, die mit der Beschaffung eines amerikanischen Visums
verbunden waren. Denn für Bewilligung dieser unter Umständen lebenswichtigen
Bescheinigung mußten im Vorfeld zwei rechtskräftige
Affidavitsbeschafft
werden, ein moralisches und ein finanzielles Affidavit bedeutet Bürgschaft
eines Staatsangehörigen für einen Einwanderer. Aus diesem Grund war es für
den Emigranten von großem Nutzen, wenn er persönliche Freunde besaß, die
amerikanische Staatsbürger waren. Häufig wurden Affidavits auch von den
Hilfskomitees selbst beschafft. Das bekannteste ist wohl das Emergency
Rescue Center, für das sich Thomas Mann stark einsetzte. Die wachsende
Zahl der Visumsuchenden schuf jedoch mehr und mehr Arbeit für die Komitees. Die
Antragsteller mussten sich zunehmend auf ihre persönlichen Freunde verlassen,
die einerseits für sie bürgen und sich andererseits um die kostspielige und
zeitaufwendige Erledigung der behördlichen Formalitäten kümmern mußten. Die
Flüchtlinge, die keine guten Freunde auf dem amerikanischen Kontinent besaßen,
konnten deshalb wenig Hoffnung hegen, alle notwendigen Papiere jemals
ausgestellt zu bekommen. Hinzu kam, daß es nicht nur immer schwieriger wurde,
Affidavitgeber zu finden; die Erteilung von Visa stieß zunehmend auf eine
oppositionelle Haltung der Behörden. Einflußreiche Gruppen im state department
der Vereinigten Staaten vekündeten politische, manchmal sogar rassistische
"Bedenken". Es wurden Stimmen laut, die befürchteten, dass eine
"zügellose" Einwanderung eine Infiltration durch NaziSpione zur
Folge hätte. Diese Bedenken hatten die Schaffung eines neuen Prüfungsgremiums
zur Folge. Von vielen Mitgliedern des Kongresses wurde auch die Erteilung von
DangerVisen abgelehnt, da sie eine Aushöhlung der Quotengesetzgebung befürchteten.
Der Widerstand drückte sich untergründig in der Langsamkeit aus, mit der die
amerikanischen Behörden arbeiteten.
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14.06.01