Anna Seghers' Literaturverständnis als Transformation der konkreten Wirklichkeit in eine verallgemeinernde Form, ohne dabei den Zauber der Poesie aufzugeben, hat in dem Roman Transit zu einem sehr dicht konstruierten und gleichzeitig stark atmosphärischen Roman geführt, der die paradoxe Situation des dauerhaft Transitären darstellt. Anna Seghers geht mit den historischen Fakten und der eigenen Erfahrung frei um: Die Realität wird, wie Hans-Albert Walter schreibt, eliminiert, montiert, collagiert und verwandelt (Walter, 122).
Anna Seghers hat wie in
so vielen ihrer Geschichten auch hier in "Transit" Reales mit Fiktivem
vermischt, so z.B. der Selbstmord Weidels. Als Vorlage dafür könnte der
Selbstmord des Schriftstellers Ernst Weiß gedient haben. Ihn sah sie
vor ihrer Flucht nach Frankreich gelegentlich und wußte von seiner Einsamkeit
und Hilflosigkeit im Alltäglichen:
"Ich habe ab und zu Euren alten verrückten
Weiß getroffen. Er hat eine Sammlung Fischköpfe für die Katzen und Zucker für
die Hunde",
berichtete sie im Mai 1947 an Weiskopf (C. Zehl Romero "Anna Seghers Biographie 1900 - 1947"
S. 357).
Christiane Zehl Romero vermutet in ihrem Buch, "Anna Seghers - Eine
Biographie 1900 - 1947", daß auch Walter
Benjamins Selbstmord "en passant" (S. 358) in "Transit" vorkam.
Es gibt auch viele reale Dinge, die Anna Seghers aus ihren eigenen Erlebnissen mit in "Transit" einbezog. Der Ich-Erzähler hat 3 Namen: seinen richtigen Namen, der aber unbekannt bleibt, den Namen "Seidler", den er von gefälschten Papieren hat und "Weidel", den er durch den Tod des Schriftstellers angenommen hat. Anna Seghers hat drei Namen: ihren Geburtsnamen "Netty Reiling", ihren Künstlernamen "Anna Seghers" und den Namen, den sie durch die Heirat mit ihrem Mann László Radványi annimmt Netty Radványi. Anna Seghers muß auch das Wirrwarr der Behörden durchlaufen, um an alle Reisepapiere zu kommen. Genau wie der Romanheld erhält sie ein mexikanischen Visum mit dem ersten Ziel Martinique und ihr Visum ist von dem "legendären Mexikanischen Konsul in Marseille, Gilberto Bosques unterschrieben". (C.Z.R. S.366)
Von diesem Konsul wird in "Transit" auch berichtet. Der
Ich-Erzähler ist von ihm beeindruckt und sieht ihn als gleichwertigen Partner
an, in den Gesprächen, die sie führen. Er ist stets bemüht die Überlegenheit des
Konsuls ins Gegenteil umzukehren. Beide, sowohl Anna Seghers als auch der
Erzähler des Romans sind in Mexiko völlig fremd und sie zieht es trotzdem dort
hin.
"An Mexiko ging mich nichts an... Ich hatte auch über das Land nichts gehört, was mir besonders im Gedächtnis geblieben wäre. Ich wußte - es gab dort Erdöl, Kakteen, riesige Strohhüte. Und was es dort sonst noch geben mochte, es ging mich ebensowenig an..." (C. Zehl Romero "Anna Seghers").
Anders als der Erzähler in "Transit" fährt Anna
Seghers wirklich nach Mexiko. Der Erzähler bleibt in der Umgebung von Marseille
und bereitet sich dort auf den Einmarsch der Deutschen vor. So sagt er im Roman:
"So gibt mir denn diese Familie, gibt mir dieses Volk bis auf weiters Obdach... Ich will jetzt Gutes und Böses hier mit meinen Leuten teilen, Zuflucht und Verfolgung. Ich werde, so bald es zum Widerstand kommt, mit Marcel eine Knarre nehmen. Selbst wenn man mich dann zusammenknallt, kommt es mir vor, man könne mich nicht restlos zum Sterben bringen."
Anna Seghers verarbeitet
ihre eigenen Erlebnisse der Flucht in Ihrem Roman "Transit". Sie läßt den
Erzähler des Romans einen großen Teil ihrer eigenen Geschichte erzählen und der
Erzähler des Buches erzählt seine Geschichte seinen "Mittransitären" in den
Cafés. Für beide ist es wichtig, "daß man einander nicht im Stich läßt" - loyal
seinen Mitmenschen ("Mittransitären") gegenüber ist.
Der namenlose Erzähler sagt:
"Denn abgeschlossen ist, was erzählt wird. Erst dann hat er diese Wüste für immer durchquert, wenn er seine Fahrt erzählt hat."
Im
Roman selbst formuliert Anna Seghers indirekt ihr Verhältnis von Literatur und Wirklichkeit.
Die Erzählerfigur
Seidler-Weidel erzählt dem Berater des amerikanischen Konsuls die volle
Wahrheit. Auf dessen erstaunte Frage, ob er denn kein Buch schreiben wolle,
antwortet Seidler-Weidel mit:
Nein. Ich will ihnen sagen, was ich darüber denke. [...] selbst nach Weihnachten, nach dem heiligen Christfest, gab es als Aufsatz Weihnachten. Da kam es mir schließlich vor, ich erlebte den Schulausflug, meine Ferien, Weihnachten nur, um darüber den Klassenaufsatz zu schreiben. Und alle diese Schreibenden, die mit mir in einem Lager steckten, die mit mir flohen, für die sind plötzlich die furchtbarsten und seltsamsten Schrecken unseres Lebens bloß durchlebt, um darüber zu schreiben: das Lager, der Krieg, die Flucht. (9.2, 159).
Anhand
des Lektüreerlebnisses von Weidels unvollendet gebliebenen Manuskriptes wird
eine Funktion von Literatur vorgestellt, die der Daseinsorientierung dient.
Literatur macht die Wirklichkeit verständlich und damit lebbarer:
Ich begriff ihre Handlungen, weil ich sie endlich einmal verfolgen konnte, von dem ersten Gedanken ab bis zu dem Punkt, wo alles kam, wie es kommen mußte. Nur dadurch, daß sie der Mann beschrieben hatte, erschienen sie mir schon weniger übel, sogar der, der mir selbst aufs Haar glich. (1.4, S.19).
Ziel des Kunstverständnisses von Anna Seghers, ist die Deutung der Wirklichkeit und nicht ihre naturgetreue Reproduktion. In dem Briefwechsel mit Georg Lukács von 1939, veröffentlicht in der Moskauer Kulturzeitschrift Internationale Literatur - Deutsche Blätter, kann man die unterschiedlichen Positionen der beiden zur Realismus-Debatte nachlesen.
Daß
die so in Literatur gewandelte Wirklichkeit dazu beitragen sollte, das Leben zu
meistern, galt im besonderen Maße bei dem Roman Transit auch für Anna
Seghers selbst. Christiane Zehl Romero schreibt: Mit Hilfe
ihrer Fiktion und Kunst versicherte sich Seghers dessen, was ihr Halt geben
konnte, und versuchte zu bannen, was sie zu zerstören drohte: eine Strategie,
die sie bei aller Distanz ihrer Werke zur Autobiographie stets anwendete, die
aber nie so transparent wird wie in Transit, weil hier die persönliche
Betroffenheit besonders groß war. (Zehl Romero, 383)
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14.06.01