Anna Seghers Zeugnisse über Ernst Weiß

Die wesentlichen Zeugnisse, die Anna Seghers über Ernst Weiß hinterlassen hat, gehen auf eine Begegnung mit ihm in einem Pariser Café während des Exils zurück. Inwiefern die beiden sich schon vorher gekannt oder getroffen haben, ist schwer nachzuverfolgen, doch scheint ihre Bekanntschaft, sollte sie schon bestanden haben, eher flüchtig gewesen zu sein, denn einerseits schreibt Anna Seghers in einem Brief selbst, sie habe ihn "nicht sehr gut" gekannt, andererseits wäre sicherlich der Eindruck, den dieses Gespräch im Café auf sie gemacht hat, weniger intensiv gewesen, hätte sie schon vorher mehr über seine Person und sein Leben gewußt.

Denn daß Weiß Eindruck auf die damals noch verhältnismäßig junge Schriftstellerin gemacht hat, ist offenbar: ansonsten hätten sich Einzelheiten dieses Gespräches nicht so intensiv in ihrem Gedächtnis verankert und vor allem hätte sie das spätere Schicksal dieses Autors nicht als Vorbild für die Person Weidel in ihrem Roman Transit gewählt.

Woran aber läßt sich festmachen, daß dieser Selbstmord tatsächlich Pate für Passagen in Seghers Roman stand, und welcher Art war der Eindruck, den Weiß auf Anna Seghers gemacht hat?

Auf beide Fragen lassen sich Antworten in zwei verschiedenen Briefen finden*.

In einem Brief an ihren Verleger schreibt Anna Seghers sehr deutlich:

"... in dem deutsch-belagerten Paris ging ich sofort in seine [Weiß’] alte Wohnung, die, glaube ich, sogar in ‚Transit’ angegeben ist, und die Wirtin gab mir ungefähr die Antwort, die auch in diesem Buch steht."

In einem anderen Brief formuliert sie vorsichtiger:

"Sie fragen mich, ob er [Ernst Weiß] etwas zu tun hat mit meinem Buch ‚Transit’. Ja, ich glaube er hat ganz indirekt etwas damit zu tun. Sie wissen wohl, bei einem Schriftsteller ist die sogenannte Widerspiegelung der Wirklichkeit nie ein braves Spiegelbild."

Diese beiden Zitate, so widersprüchlich sie auch zunächst scheinen, lassen sich gut als Anleitung nehmen, wie man mit den Spuren von Ernst Weiß bei Anna Seghers umzugehen hat. Ganz offensichtlich ist es so, daß einige Beschreibungen, also einige Orte und Personen, ja sogar einige Redebeiträge, reale Vorbilder hatten – diese jedoch nur "ungefähr" und keineswegs derart, daß jene "braves Spiegelbild" dieser sind. Nun kann man das auf verschiedene Weise verstehen – einmal so, daß die Beschreibungen im Roman nicht genau mit den Vorbildern übereinstimmen, also nachbearbeitet, geglättet oder angepaßt wurden, andererseits aber auch so, daß sie in ihrem Wesen eine Veränderung erfahren haben, indem sie in einen vollkommen verschiedenen Kontext gestellt und mit einer dem Vorbild überhaupt nicht zukommenden literarisch-kompositiorischen Funktion belegt wurden. Beides ist sicherlich der Fall. Bevor ich aber dazu übergehen will, Hinweise auf und Belege für eine der beiden Varianten im Text zu suchen, möchte ich zunächst noch ein wenig Material sammeln. Seghers schreibt weiterhin im ersten der beiden schon zitierten Briefe:

"Ich glaube, jemand hat mir erzählt, zwei Freunde hätten versprochen, ihn im Auto mitzunehmen und es dann in der Aufregung doch unterlassen."

Eine sehr ähnliche Entwicklung taucht auch als inhaltliches Element, wenn auch nicht an sehr exponierter Stelle, im Transit auf (siehe unten).

Die beiden vorherrschenden Charakterisierungen, die Seghers in ihren Briefen von Weiß gibt sind "hilflos" und "allein". Wörtlich schreibt sie an einer Stelle als Reformulierung eines Gedanken, der ihr vor ihrem eigenen Fluchtversuch aus Paris durch den Kopf ging:

"So einer weiß sich doch sicher nicht zu helfen."

Ihr sei vor allem im Gedächtnis geblieben, daß Weiß viel von sich erzählte. Unter anderem, daß er im Leben immer Unglück gehabt habe und daß er – und dies scheint sich bei Seghers besonders eingeprägt zu haben, da sie es in beiden Briefen erwähnt – seinen Arztberuf nicht länger hätte ausführen können, da die Patienten kein rechtes Vertrauen zu ihm hätten. Seghers Mutmaßung über den Grund dieses doch eigentlich eher vertraulichen Gespräches (sie schreibt: "als ob wir uns schon lange kennen würden") lautet:

"Er hatte vermutlich das Bedürfnis, einfach zu erzählen, was ihn bedrückte in seiner Einsamkeit und in der gefährlichen Zeit."

An sich sind es also relativ wenig Informationen, die man von Anna Seghers über Ernst Weiß bekommt. Da man aber nun durch ihre eigene Aussage auf die Fährte gekommen ist, kann man Versuche unternehmen, die Bruchstücke von seinem Leben und seiner Person, die einem zur Verfügung stehen, im Roman zu verfolgen und in ihrer Darstellungsart ausfindig zu machen.

Zunächst gestaltet sich dies sehr einfach. Die Szene, in der das Hotel vorkommt, in dem der Dichter Weidel wohnt, er tritt hier an die Stelle des realen Ernst Weiß, der sich das Leben genommen hat, findet sich schnell, schon am Anfang des Romans, im dritten Abschnitt des ersten Kapitels (1,III,S.21). Hier finden sich Beschreibungspassagen wie:

"Das Hotel in der Rue de Vaugirard, schmal und hoch, war ein Durchschnittshotel. Die Patronin war über den Durchschnitt hübsch. Sie hatte ein zartes frisches Gesicht und pechschwarzes Haar."

Oder:

"Ihr Gesicht ihre Haltung veränderten sich, wie das nur bei Franzosen zu finden ist: die höflichste unnachahmliche Gleichmütigkeit schlägt plötzlich, wenn da die Fäden reißen, in rasende Wut um."

All dies sind Sätze, die, wenn man sich auf die bestimmtere von Seghers Aussagen verlassen will, relativ nahe am tatsächlichen Geschehen sind, also relativ stark von dem inspiriert sind, was Anna Seghers selbst erlebt hat. Doch schon hier führt diese Betrachtungsweise nicht sehr weit. Niemand vermag zu sagen, wie weit genau diese Schilderungen ein reales Vorbild haben, welches Detail "echt" ist und welches hinzugefügt. Hinzu kommt, daß alles schon auf oberster Textebene gebrochen ist: Der Erzähler von "Transit" ist männlich, er schildert seine emotional gefärbte Sicht der Dinge aus männlicher Sicht – so ändert sich die Schönheit der Patronin in seinen Augen mit seiner Einstellung zu ihrem Verhalten. Hinzu kommt die abgehärtete, in die Gleichgültigkeit getriebene Einstellung dieses Erzählers ("Die Geschichte langweilte mich. Ich hatte zu viele vertrackte Sterbefälle mitangesehen"), von der man ausgehen kann, daß sie eher eine literarische Bedeutung hat, als daß man in ihr Wiederspiegelung Seghersscher Empfindung erkennen muß. Noch weiter vom "Original" entfernt sich diese Passage, wenn man bedenkt, daß sie nicht nur in der Beschreibungsperspektive notwendig von der "Wirklichkeit" verschieden ist, sondern zudem noch im Ablauf der Handlung, einfach durch ihre Funktion als kompositorisches Element des Romans, eine Veränderung erfahren hat: Der Erzähler soll dem Toten Papiere, einen Brief von seiner Frau, übergeben. Deswegen nimmt er schließlich den Nachlaß des Verstorbenen an, um diesen eben jener Gattin wieder zukommen zu lassen. Selbstverständlich gab es einen solchen Nachlaß Ernst Weiß´ nie in Zusammenhang mit Anna Seghers. Was hier geschieht, ist, daß ein Stück realer Erfahrung in den Text übernommen wird, dabei aber seinen tatsächlichen konkreten Inhalt weitgehend verliert und statt dessen als Stellvertretergeschehnis für einen bestimmten Typ von Entwicklungen – den Freitod von verfolgten Intellektuellen, die mit dem Exil und der Fluchtsituation nicht zurecht kamen und für sich keine Zukunft mehr sahen – als literarisches Element in ein literarisch komponiertes Werk aufgenommen wird. Die äußere, direkt gegebene Form des aus der Erfahrung Übernommenen wird dabei schilderungstechnisch scheinbar kaum verändert, so daß es von der Art des Schreibens und des Beschriebenen "realistisch" im Sinne von einer in der realen Welt durchaus vorkommenden Begebenheit bleibt. Diese Form jedoch wird von konkreten Zusammenhängen gelöst, damit generalisiert, und dann wiederum literarisch konkretisiert und instrumentalisiert, indem sie in einen Text einfügt wird.

Ähnlich deutlich läßt sich dieser Mechanismus am Beispiel einer weiteren Bemerkung verfolgen, die ich aus einem der beiden Brief oben bereits zitiert habe und die davon handelt, daß Gerüchten zufolge Ernst Weiß ein Platz in einem Auto zugesagt worden war, der ihm dann jedoch, durch welche Entwicklung auch immer, doch nicht zur Verfügung stand. Im Roman "Transit" wird daraus ein ausschmückendes Element in einer locker dahingeworfenen Anekdote einer Person namens Achselroth (6,V, S.157), die in dem Roman die Rolle eines "Imstichlassers" übernimmt und als solcher charakterisiert wird und sicherlich einen bestimmten Typ Mensch verkörpern soll. Es ist mehr als wahrscheinlich, daß für diesen Achselroth keine konkrete Person aus Anna Seghers Umfeld Pate stand und wenn doch, daß diese nicht identisch mit jener ist, die für die gescheiterte Flucht Weiß´ aus Paris verantwortlich ist.

Sind dies jedoch noch Fälle, in denen das aus der Erfahrung abgeleitete Element relativ leicht zu erkennen und in seinem Wirklichkeitsbezug abzuschätzen ist, wird es bedeutend schwieriger, will man versuchen, die Person Ernst Weiß als Ganzes hinter der Romanfigur Weidel auszumachen. Die Frage, die sich hier unwillkürlich stellen muß, ist, ob der Bezug über die Anlehnung an die konkreten erlebten Gegebenheiten, also die Szene mit dem Hotel in Paris hinausgeht: ob der Selbstmord als solcher Anlaß war oder der Selbstmord als Tat einer bestimmten Person in einer bestimmten Situation. Ich habe zuvor schon geschrieben, daß der Fall in einem bestimmten Sinn generalisiert wurde. Das soll durch diese Überlegung auch keinesfalls eingeschränkt werden. Die Frage ist vielmehr, inwiefern die Generalisierung sich auf Menschen, oder genauer: Schriftsteller, bezieht, die so sind wie Ernst Weiß. Das ist schwierig zu entscheiden, denn vor allem müßte man hierzu Klarheit in zwei weiteren Problemen haben: "Wie genau war das Bild, das Anna Seghers von Ernst Weiß hatte?" und "Wie weit lassen sich Ähnlichkeiten der Figur Weidel mit der Person Weiß sinnvoll im Roman verfolgen?" In beiden Fragen spielt darüber hinaus noch die Überlegung mit ein, inwiefern Anna Seghers überhaupt ein literarisches Interesse hatte, einen Menschen wie Ernst Weiß mehr oder weniger streng zu einer Figur ihres Romans zu machen.

Zur ersten Frage habe ich schon einiges dargestellt. Ein sehr detailliertes Bild des verstorbenen Schriftstellers läßt sich nicht rekonstruieren. Die Lösung der zweiten Frage kann also nur auf unscharfe Grundformen zurückgreifen: etwa das Alleinsein oder die Hilflosigkeit – vielleicht auch das Bedürfnis sich auszusprechen und das Unglück im Leben. Viele Entsprechungen lassen sich dazu im Roman finden, jedoch ist keine eindeutig: Das Unglück der dem Dichter Weidel davongelaufenen Frau, die Einsamkeit und Abgeschiedenheit, die dem Verstorbenen von verschiedenen Personen nachgesagt wird, auch das Thema des "alles einmal erzählen müssen", das den ganzen Roman durchzieht, sind alles literarische Elemente, die genauso gut unabhängig von Ernst Weiß denkbar wären. Eine genauere Analyse wäre hier sicherlich angebracht und dankbar. Die generellen Probleme jedoch bleiben – endgültige Übereinstimmung und daher Sicherheit in der Einordnung wird es in keinem dieser Details geben. Genau jenes ist allerdings wiederum ein Merkmal der Vorgehensweise Anna Seghers: Ebenso wie sie einerseits realistische Elemente übernimmt und literarisch funtkionalisiert, nimmt sie andererseits weniger konkrete realistische Elemente als Anlaß, literarische Elemente an diesen auszubilden und mit eigener Funktion in Werke aufzunehmen. Wie sie sich das selbst vorstellt, läßt sich einem Zitat entnehmen, das einem Brief an George Lukacz entstammt.

So bleiben für mich letztlich noch zwei weitere interessante Themenbereiche unberührt:

Welche Rolle spielt das Werk von Ernst Weiß für den Roman Transit? Und:

Gibt es etwas an dem "Fall Weiß", das dieses Schicksal für die literarische Intention Seghers‘ interessanter machte als viele andere Selbstmordfälle der Zeit.

Ich möchte hierzu eine Textstelle aus Transit zitieren, die eine Leseerfahrung des Erzählers mit einem Text des Dichters Weidel wiedergibt:

"Aus lauter Langeweile fing ich zu lesen an. Ich las und las. Vielleicht, weil ich noch nie ein Buch zu Ende gelesen hatte. Ich war verzaubert. Nein, darin kann der Grund auch nicht gelegen haben. [...] Ich versteh nichts davon. Meine Welt ist das nicht. Ich meine aber der Mann, der das geschrieben hat, der hat seine Kunst verstanden."

Vielleicht gibt dieses Zitat durch die Formulierungen "verzaubert" und "meine Welt ist das nicht" ja einen möglichen Ansatz für die Lösung beider Probleme.

Fabian Börchers

Die Briefe sind veröffentlicht in:

Siegrid Bock [Hrsg.], Deutsche Bibliothek – Anna Seghers / Über Kunstwerk und Wirklichkeit, Bd. 4, Akademie-Verlag Berlin, 1979; S.163 f.

Peter Engel [Hrsg.],Ernst Weiß Blätter Nr.1, 1973, S.1f

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14.06.01