Der 1. Internationale Schriftstellerkongreß
1935 in Paris

Stimmen vom und zum Kongreß

In der Kunst wenden wir uns gegen jede regressive Konzeption, die dem Inhalt die Form entgegensetzt, um diese jenem zu opfern. Das Überwechseln der wirklichen Dichter unserer Zeit zu einer Propaganda-Dichtung, die ganz äußerlich definiert wird, hieße für sie gerade, die historischen Bestimmungen der Dichtung zu negieren. Die Kultur verteidigen, heißt vor allem, sich dessen anzunehmen, was intellektuell einer ernsthaften materialistischen Analyse standhält, dessen, was lebensfähig ist und weiterhin seine Früchte tragen wird. Nicht durch stereotype Erklärungen gegen den Faschismus und den Krieg wird es uns gelingen, den Geist oder den Menschen von den alten Ketten, die ihn behindern, und von den neuen, die ihn bedrohen, für immer zu befreien. Gelingen wird es uns durch die Bekundung unserer unerschütterlichen Treue zu den Emanzipationskräften des Geistes und des Menschen, die wir nach und nach erkannt haben und für deren Anerkennung wir kämpfen. "Die Welt verändern" sagte Marx; "das Leben ändern" sagte Rimbaud: Diese beiden Losungen sind für uns nun eine.

André Breton (309)


Unser Kongreß steht im Zeichen des Humanismus. Der Einladung zu diesem Kongreß sind Schriftsteller gefolgt, die sich die Aufgabe gestellt haben, die großen Ideale des Humanismus in ihrem Werk zu bewahren und auf diesem Kongreß sind Schriftsteller vertreten, die mit ihrem Werk jener Kraft dienen, die heute einzig und allein die Verwirklichung jener Ideale verbürgt. Diese einzige und alleinige Kraft ist die Arbeiterklasse. Die Bewahrenden und die Kämpfenden sind hier auf diesem Kongreß erschienen. Nicht deshalb ist dieser Kongreß ein Weltkongreß, weil ihn soundso viele Länder beschickt haben, sondern weil sich auf ihm eine Weltkraft manifestiert: das Beste der Vergangenheit verbündet mit dem Kampfe der Arbeiterschaft. Dieses Bündnis bedeutet die Sicherung einer Menschen würdigen Zukunft.

Johannes R. Becher (174)


Der Internationale Schriftstellerkongreß in Paris war kein kommunistischer Kongreß. In ihren Anschauungen und ihrer Gefühlswelt waren die Kongreßteilnehmer durchaus verschieden. In den Reden mancher Schriftsteller erklangen noch naive idealistische Illusionen, liberale Verirrungen. Um so bemerkenswerter waren die glänzenden und tapferen Reden wahrhafter Kulturträger gegen den Faschismus und für den Schutz der Sowjetunion. In den Reden André Gides, Louis Aragons, Waldo Franks und anderer hörte man ein hartes Urteil über die untergehende kapitalistische Welt und freudige Grüße an die Kämpfer der proletarischen Weltrevolution. Die Theorie des revolutionären Proletariats, die Lehre von Marx, Engels, Lenin und Stalin trug einen neuen geschichtlichen Sieg im Kampf gegen den Weltkapitalismus, gegen die Weltbourgoisie davon. Hierin liegt die Bedeutung des Kongresses.

Prawda vom 27.06.1935


Der subversive Wert des Surrealismus - der auf dem legitimen Anspruch beruht, auf allen Gebieten weiter zu sehen als die Lüge, die von einer aus vulgärem Idealismus oder Materialismus genährten Literatur repräsentiert wird - fand auf diesem Kongreß seinen Feind. Da wir wissen, [...] daß Louis Aragon [...] heute als ein revolutionärer Schriftsteller angesehen wird, daß schließlich der einzige Informant über den Surrealismus in der UdSSR der Journalist Ehrenburg ist, konnten wir mit vollem Recht voraussetzen, daß der Surrealismus von diesem Kongreß ausgeschlossen sein würde, auf dem man Racine zitiert hatte.
[...]

Dieselben Feinde der Surrealismen, die aus jedem Holz einen Pfeil schnitzen, erklären sie heute zu Trotzkisten. Während jedoch im Zeichen der Verteidigung der Kultur Hunderte neuer Romane entstehen, deren ganzes Anliegen darin besteht, den Leser auf die gleiche Weise zu enthaupten wie irgendein Werk der Unterhaltungsliteratur mit didaktischer Tendenz, behält sich allein der Surrealismus ernsthaft das Gebiet der Entdeckungen der dialektischen Geheimnisse des Menschen vor.

Vitezslav Nezval (454)


Die große Auseinandersetzung - die für das Problem einer geistigen "Einheitsfront" so bedeutungsvoll, ja entscheidend ist - fand ohne Frage ihren Höhepunkt in der Rede André Gides. Er ist es, der für alle "Individualisten", für alle an den Werten westlicher Kultur Erzogenen und in ihre Reize Verliebten, der große Mentor in die "andere Gegend", das neue Land sein könnte. Zu dem Themenkomplex "Kollektivismus-Individualismus" fand es auf dem Pariser Schriftsteller-Kongreß die Formulierung: "Es kann die Gesamtheit am wirksamsten fördern, wer am individuellsten ist."

Klaus Mann (456)


Vor allem sind es zwei Problemkreise, die es uns augenblicklich ermöglichen, nicht nur auf die Schriftsteller selbst, sondern auch auf die Lesermassen einen Eindruck auszuüben: es sind dies die Fragen des Erbes und der Bestimmung des Menschen (Humanismus). Von diesen Fragestellungen ausgehend, sie konkretisierend und vertiefend, kann es uns gelingen, die besten Kräfte der Literatur offen mit der Arbeiterbewegung zu verbinden.

Johannes R. Becher (458)


In dem engen Zimmer, in dem das Sekretariat untergebracht ist, herrscht Gedränge. Ein Telegramm von Waldo Frank - er beendet seinen Vortrag auf dem Schiff. Die Inderin Wadia kommt herein. [...] Vertreter des Organisationskomitees eilen zum Flughafen: Gleich muß der englische Schriftsteller Forster landen. Jemand schreit ins Telefon:’ Drei Zimmer, eins für einen portugiesischen Schriftsteller, eins für einen bulgarischen, eins für einen deutschen.’ Regler übersetzt die Rede Malraux’ ins Deutsche, Malraux übersetzt stehend - nirgends kann man sich hier setzen - die Rede Heinrich Manns ins Französische. Da kommt Nikolai Tichonow. [...] Der Chinese Wong. Schriftsteller aus allen Ecken der Welt kommen und gehen.

Ilja Ehrenburg


Auf der Bühne, im Präsidium, wo sich immer etwa zwanzig Schriftsteller befanden, waren die Redner schwer zu verstehen, weil sie ins Mikrofon sprachen und ihre Stimmen zu uns als lautes, unverständliches Echo zurückkamen. Aber der hell erleuchtete Saal war gut zu sehen, man konnte Hunderte Männer und Frauen aller Altersstufen beobachten, die aufmerksam, ruhig und wißbegierig die abstraktesten Vorträge verfolgten, die ihre Symphathie schon vorher, instinktiv, dem ausländischen Schriftsteller gaben, dessen Sprache sie nicht verstanden, dessen erregte brüderliche Stimme ihre Herzen jedoch früher erreichte als die Übersetzung ihr Bewußtsein.

Charles Vildrac


Wenn die Sitzung zu Ende ist, diskutieren wir noch, auf der Terasse des Deux Magots oder woanders, in den frischen und ruhigen Nächten des Pariser Sommers.

Eugène Dabit



Quelle:

Paris 1935...



Anna Seghers' Rede auf dem Kongress - Vaterlandsliebe

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zuletzt geändert am 31.05.01