Anna Seghers schrieb in ihrem Essay "Frauen und Kinder in der
Emigration" über die Entwicklungsmöglichkeiten während des Exils. Die Zeit in Paris kann als
eine ihrer produktivsten
angesehen werden. Allein in diesen sieben Jahren schrieb sie vier Romane, eine Reihe von
Erzählungen, Hörspiele und ein Filmexposé, hielt Vorträge, beteiligte sich an nahezu
jeder antifaschistischen Aktion und veröffentlichte in vielen Zeitschriften,
sowohl in französischen, als auch in der deutschen Exilpresse.
Wie für viele andere Exilanten auch, bemühte sie sich um die
Aufrechterhaltung eines anderen, kulturellen Deutschlandbildes- der alten
Heimat. So schrieb sie im März 1939 an G. Lukácz: "Unser Hauptfeind ist der
Faschismus. Wir bekämpfen ihn mit allen physischen und intellektuellen Kräften."
Ein wichtiges Ereignis in diesem Zusammenhang war der Schriftstellerkongress
1935 mit ihrer Rede „Vaterlandsliebe“.
Eine zentrale Herausforderung dieser Lebenssituation war es, der
Doppelbelastung als Frau und Mutter auf der einen Seite, als Schriftstellerin und
politische Aktivistin auf der anderen Seite, gerecht zu werden. Dazu schrieb sie 1939:
„ Rodi, der in zwei Schulen und an einer Zeitschrift beschäftigt ist und außerdem
noch viel andere Arbeit macht, kann sich sehr wenig um uns kümmern, im besten Fall so
viel, wie es für einen Menschen unerlässlich ist.“
In Paris (Bellevue) angekommen,
war sie bemüht, dem Leben der Familie eine gewisse
Normalität zurückzugeben. Diese war für sie eine grundlegende Arbeitsbedingung.
Zum Arbeiten verließ sie häufig die Wohnung und suchte Orte wie
Cafés oder Hotels auf, deren Atmosphäre sie als anregend empfand. Anregungen zog sie
auch aus ihren häufigen Reisen, auf denen sie vor Ort für ihre Bücher recherchierte. So
unternahm sie einige Reisen nach Österreich, nach Belgien, und während des Spanischen
Bürgerkrieges nach Madrid und Valencia. Nicht nur daran lässt sich zeigen, dass Seghers
sich stets um Authentizität ihrer Werke bemühte. Gerade ihre frühen, im Exil
entstandenen Werke haben oft dokumentarischen Charakter. Häufig greift sie dabei aktuelle
politische Ereignisse auf. Ihre Literatur sollte antifaschistisch sein, und sie verstand
ihr „Wort als Waffe“.
Trotz ihrer politischen Zugehörigkeit zur KPD sah sie
sich nicht als Schriftstellerin der Partei. Sie wollte ein breites Publikum erreichen und
war nicht bereit, parteipolitische Rivalitäten auf ihr Werk einfließen zu lassen. Aus dieser Haltung heraus
entstanden Spannungen mit der Partei. Von ihr als Leiterin der Pariser Gruppe des BPRS
erwartete man eine klare Positionierung. So musste sie sich z.B. für ihre
Sympathiebekundung für die Sozialdemokraten in ihrem Roman "Der Weg durch den Februar" rechtfertigen.
Als sie 1934 dieses Amt niederlegte, kam es zu Spannungen mit ihrem mittlerweile in die
Sowjetunion emigrierten Kollegen Johannes R.
Becher. Dieser war als Beauftragter der Partei ihr Ansprechpartner und Gegenüber in
den Auseinandersetzungen um die politische Linie in ihren Werken gewesen. Bedingt waren
diese Auseinandersetzungen mit Becher auch durch die hohen Anforderungen, die er hinsichtlich ihres Arbeitspensums
an sie gestellt hatte, und die zu erfüllen sie sich außerstande sah. Zum Bruch mit der
Partei kam es allerdings nicht.
Im Laufe ihres Aufenthaltes musste Anna Seghers erkennen, dass eine
kulturelle Annäherung zwischen Deutschen und Franzosen nur teilweise vollzogen wurde. Sie
bedauert den Umstand, dass "ein großer Teil der deutschen Literatur niemals von
anderen als Deutschen verstanden werden" konnte und bemüht sich um eine Verbesserung
des deutsch-französischen Verhältnisses; u.a. auf der
Weltausstellung 1937 in Paris, bei der die Ausstellung "Das deutsche Buch in Paris
1837-1937" vorgestellt wurde. Dabei galt es die "Verbundenheit der deutschen,
klassischen und freiheitlichen Literatur mit dem Frankreich der Aufklärung, des
Humanismus, der großen Revolution, der Menschenrechte" zu zeigen
(Zehl-Romero,
2000). Ein drittes Thema, das Seghers bis zum Ende ihres Schaffens
verfolgte, war das Frauenbild. Die Situation der Frauen war für sie immer ein Gradmesser
der gesellschaftlichen Verhältnisse. Dabei zeichnete sie diese als eine Art stille
Kämpferinnen mit ganz eigenen Stärken: Aufrichtigkeit und einem anscheinend
natürlich gegebenen Gerechtigkeitsgefühl. So
bewunderte sie z.B. Jeanne d´Arc, Tochter eines Bauern, die während ihres
Prozesses auf die Fragen der Richter scheinbar intuitiv die richtigen Antworten
wusste. Dazu entstand
für den Hörfunk Antwerpen das Hörspiel "Der Prozeß der Jeanne
d´Arc zu Rouen 1431"
Die Veränderungen durch den Kriegsbeginn zwangen Anna Seghers,
einige ihrer Pläne fallenzulassen und Paris zu verlassen: "Ich habe die schönsten
Pläne, nie habe, nie hätte ich so gut wie jetzt arbeiten können." Zu jenen Plänen
zählte auch eine Sammlung von Novellen mit dem Titel "´Tausend und eine Nacht´ unserer
Zeit"
Die Umbruchsituation ließ auch scheinbar fertige Planungen nichtig
werden.
Die Arbeit am Roman "Das Siebte Kreuz"
war bereits abgeschlossen. Es gab mehr als drei Kopien des Manuskripts. Eine befand sich
bei Landshoff, ihrem langjährigen Verleger, der mit der Veröffentlichung betraut worden
war. Der Roman sollte zunächst im Querido Verlag
erscheinen, sollte dies unmöglich werden, bestand die Hoffnung, dass Landshoff ihn nach
seiner Flucht in den USA veröffentlichen könnte.
Ein zweites wurde Bruno Frei
anvertraut, das aber bei einem Bombenangriff mit seiner Wohnung vernichtet wurde. Ein weiteres
befand sich noch in Bellevue. Seghers Sohn Peter sollte noch einmal dorthin zurückkehren,
um das Manuskript zu holen. Von einem Nachbarn erfuhr er, dass die Gestapo das Haus
bereits durchsucht hatte. "Da bekamen wir einen furchtbaren Schreck, die polnische
Freundin fand das Manuskript vom ´Siebten Kreuz´ und verbrannte es sofort im Ofen.
Als ich der Mutter das erzählte, hat sie geweint. Ich
glaube, es ist das einzige Mal, dass ich sie weinen sah", schrieb Pierre
Radvanyi 1996.
1940 erfuhr sie vom Tod des Vaters, ihr Mann wurde inhaftiert und die
Ungewissheit über das Schicksal der Mutter blieb. In einem Brief an
F.C. Weiskopf schrieb sie im selben Jahr, dass es ihr
furchtbar schlecht ginge. Nur durch die Hilfe ihrer Freunde (vor allem ist hierbei
Jeanne Stern zu nennen) gelang ihr die Flucht in den
unbesetzten Teil
Frankreichs nach Marseille.
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erarbeitet von sebastian ozdoba und viola sperlich
zuletzt geändert am 31.05.01