6. November 1998

T. Köhn

 

Erfahrungen mit einer Digitale Edition - am Beispiel des Traktats Heinrichs von Antwerpen

Einleitung

Gegenstand, Zweck, Ziel und Aufgaben von Digitalen Editionen

Welche Ziele hatten wir uns mit dieser Edition gesetzt?

Realisierung und Problembewältigung

Stufen der Digitalen Edition

 

Sehr geehrte Damen und Herren,

 

ich danke für die freundliche Einladung - insbesondere Herrn Pötschke - auf der Info '98 die unter meiner Leitung an der Humboldt-Universität zu Berlin und der Universität Potsdam entstandene Digitale Edition vorstellen zu dürfen. In der begrenzten Zeitvorgabe - und ich möchte mich daran halten - kann ich selbstverständlich nicht umfassend unsere Erfahrungen darstellen. Auch möchte ich das Projekt auch nicht als Präsentation vorstellen - Sie alle können sich unmittelbar im Internet davon ein Bild machen und dort Ihre Kritiken, Vorschläge, Meinungen etc. der Internet-Gemeinde kundtun. Die Adresse wurde im Veranstaltungsprogramm veröffentlicht. Nach einer kurzen Einführung möchte ich zu folgenden Punkten etwas sagen:

Gegenstand, Zweck, Ziel und Aufgaben von Digitale Edition

Welche Ziele hatten wir uns mit der Edition HvA gesetzt?

Realisierung und Problembewältigung

 

Einleitung

 

Seit ca. 15 Jahren treten Fragen der Edition historischer Quellen in den Blickpunkt gerade jüngerer Historiker; nach bahnbrechenden Arbeiten im 19. Jh. - die besten ihrer Zunft wirkten an den großen Editionsvorhaben mit - nahm der Stellenwert von Editionen ab, kam es methodisch zum Stillstand; signifikant dafür sind z. B. große Editionsvorhaben, die trotz jahrzehnterlanger Forschungen unvollendet blieben(1) oder auch die jahrzehntelangen Bemühungen, sich auf Richtlinien zu einigen. Sie begannen am Ende des 19. Jh. und fanden ihren vorläufigen Abschluß in der Veröffentlichung Heinemeyers 1977.(2) Außerdem hatten die abgeschlossenen Editionen kaum die Wirkung, die sich die Herausgeber erhofften, da allein der Umgang mit den Editionen so komplex geworden ist, daß bereits für die Nutzung umfangreiche Spezialkenntnisse notwendig waren - der Abstand zwischen Editionen und Nutzern wurde zunehmend größer.(3)

Die traditionelle Editionstechnik geriet in eine Sackgasse. Die Ursache dafür waren nicht die Unzulänglichkeiten der Bearbeiter, sondern die Methoden versagten vor der Masse der Quellen und vor der Vielschichtigkeit der Überlieferung!(4) Hinzu kam noch, daß trotz des riesigen Aufwandes selbst wichtige Fragen mit den ausgefeiltesten Methoden der historisch-kritischen Edition nicht beantwortet werden konnten. Ich denke da z. B. an Fragen der Paläographie, so daß die Begutachtung des Originals oder - insofern vorhanden - eines Faksimiledruckes notwendig blieb.

Erst Entwicklungen auf einem ganz anderen Gebiet - der EDV - schufen die Voraussetzungen, die Editionsmethoden aus der beschriebenen Sackgasse zu führen. Völlig neue Möglichkeiten der Analyse, der Distribution, der Publikation und der Nutzung, die vorher nicht denkbar waren, ergeben sich aus der Anwendung und Weiterentwicklung von Verfahren der EDV. Genau um diese Verknüpfung (man könnte auch sagen Interdisziplinarität) von EDV und Editionstechnik bemüht sich eine zunehmende Zahl jüngerer Historiker und auch dieser Arbeitskreis ringt bereits seit über vier Jahren um eine adäquate Umsetzung. Trotz der Bemühungen scheint klar zu sein: Wir stehen in diesem Prozeß noch ganz am Anfang. Darum sollte - so denke ich - eine Verselbständigung über die neuen - digitalen - Möglichkeiten bei jedem Editionsvorhaben integrierter Bestandteil sein.

 

Gegenstand, Zweck, Ziel und Aufgaben von Digitalen Editionen

Es gibt inzwischen eine Reihe von Bsp. und Vorschlägen. Fast alles können Sie im Internet nachlesen. Ich will auch nichts über die Bedeutung und Vorteile der EDV sagen; ich denke diese sind evident und bedürfen keiner Kommentierung. Auch kann ich hier keinen Überblick über die Ergebnisse der Diskussion geben - meine Zeit läßt dies nicht zu.

Aber einige Schwerpunkte zur aktuellen Diskussion möchte ich doch setzen.

  1. Das Ziel einer jeden Editionen besteht darin, die Geschichtlichkeit historischer Quellen(5) zu bewahren und zu repräsentieren, indem der ursprüngliche Informationsgehalt, die innere und äußere Informationsstruktur,(6) der Entstehungszusammenhang und die Wirkungsgeschichte indirekt, d. h. ohne daß die Quelle selbst herangezogen werden muß, möglichst vollständig - in welcher Form auch immer - zugänglich gemacht werden.
  2. Somit bedeutet Edition im Vergleich zur direkten Benutzung der Quelle immer Gewinn, aber auch Verlust. Jener soll so groß wie möglich, dieser soll möglichst gering gehalten werden - das sind die Ziele aller methodischen Überlegungen.(7)
  3. Zahlreiche kommerzielle Angebote bleiben auf dieser Stufe stehen; d. h. klassische gedruckte Editionen werden maschinenlesbar angeboten. Zwar bringt das manche Arbeitserleichterung mit sch (Retrieval; einfache Übernahme von Quellentexten; ständige Verfügbarkeit), aber die Möglichkeiten der EDV werden damit bei weitem nicht ausgeschöpft. Der Anspruch von einer DIGITALE EDITION wird also nur zum Teil eingelöst.

Vor dem Beginn einer Edition stehen - wie bei jeder wissenschaftlichen Arbeit - konzeptionelle Überlegungen.

 

Welche Ziele hatten wir uns mit dieser Edition gesetzt?

 

  1. Wir wollten die Möglichkeiten Digitaler Editionen in einem studentischen Projekt testen. im SS 1997 an der Humboldt Universität zu Berlin sowie dem HS 1997 an der Universität Potsdam führte ich zwei Lehrveranstaltungen durch.
  2. Um mit einem begrenzten Zeitaufwand, mit begrenzten Mitteln und Ressourcen - die wenigsten Studenten brachten hinreichende Vorkenntnisse mit - sowie in einem relativ neuem Forschungszweig Ergebnisse vorlegen zu können, wählten wir eine Quelle aus, die
    1. bereits ediert wurde, aber der Druck bereits länger zurückliegt, so daß eine Neuherausgabe wünschenswert ist,
    2. deren Umfang begrenzt ist,
    3. deren Bedeutungsgehalt andererseits relativ groß ist.

Am ehesten entsprach diesen Vorgaben das Tractat Heinrichs von Antwerpen, zumal am Historischen Institut in Potsdam Fotokopien vorlagen.

  1. Folgende Inhalte nahmen wir in die Edition auf:
    1. Alle wichtigen Editionen mit dem kritischen Apparat
    2. wichtige Beiträge und Sekundärinformationen
    3. Schließlich wollten wir eine eigene Analyse anbieten
  2. Für die Art und Weise der Präsentation stellten wir uns als Ziel
    1. Eine einfache sowie übersichtliche Bedienerstruktur mit einer ansprechenden Gestaltung zu verbinden
    2. Werkzeuge anzubieten, die eine selektive, zielgerichtete Rezeption und Weiterverarbeitung gewährleisten
    3. Voraussetzungen für die Kommunikation zwischen den Nutzern der Edition zu schaffen
    4. Möglichkeiten des direkten Vergleichs zwischen Transkription und Schriftzug, Übersetzung und lateinischem Text anzubieten, um die Kontrolle leicht zu realisieren
  3. Schließlich war es unser erklärtes Ziel neben der Untersuchung allgemeiner Möglichkeiten einer Digitale Edition Voraussetzungen zu schaffen, unsere Publikation als Lehr-Lerneinheit zu nutzen!
  4. Eine Dynamische Digitale Edition - wie oben beschrieben - war von uns nicht vorgesehen und mit unseren Möglichkeiten auch nicht zu realisieren. Nach verschiedenen Versuchen, u. a. mit dem Autorensystem Macromedia Director entschlossen wir uns das Internet als Publikationsmedium zu nutzen.

 

Realisierung und Problembewältigung

Stufen der Digitalen Edition:(9)

  1. Bearbeitung auf Bildebene: einscannen; digital speichern
  2. Bearbeitung auf Text- und DB-Ebene
  3. Bearbeitung auf Strukturebene - SGML etc.
  4. Veröffentlichung

Bearbeitung auf Bildebene

In Abhängigkeit von der Vorlage, also den Fotokopien waren vor dem Scannen zwei Fragen zu klären:

In jedem Fall legen Sie ein Archiv mit den Ausgangs-Scans an, um den Bearbeitungsprozeß transparent zu machen und die Rohdaten allen Nutzern zur Verfügung stellen zu können.

Wir haben die Fotokopie zunächst mit 600 dpi und verschiedenen Farbtiefen (24.Bit; 8-Bit; 1-Bit) gescannt und uns entschieden die Handschrift als 1-Bit-Grafik mit 300 dpi im TIFF-Format einzuscannen. Diese relativ speicherschonenden Parameter waren möglich, weil:

Auf keinen Fall möchte ich raten, diese Einstellungen zu verallgemeinern. Diese sind immer von Fall zu Fall unter den o. g. Gesichtspunkten zu entscheiden!

Zum Vergleich zwei unbearbietete Grafiken:

300 dpi (unsere Vorlage)

vort3-dpi.gif (2436 Byte)

600 dpi

vort6-dpi.gif (5828 Byte)

Im Textzusammenhang:

vort-zsf.gif (7189 Byte)

Nach der Bearbeitung

1-7.gif (3070 Byte)

Um einzelne Wörter oder Wortgruppen direkt mit der Transkription zu verbinden, wurde es notwendig, die Bilder in Ausschnitte zu zerlegen. Da aber Über- und Unterlängen, Kontraktionszeichen etc. gelegentlich in andere Zeilen hineinragen, waren die Ausschnitte sehr unübersichtlich. Es war kaum zu erkennen, welche Zeichen zu dem jeweiligen Wort gehörten. Deshalb bearbeiteten wir die Ausschnitte, so daß die Schriftzüge eindeutig zu erkennen waren. Ansonsten wäre es wohl kaum möglich, die Edition auch zur Lehre zu nutzen. Die Lesbarkeit wurde bedeutend erhöht. Der Aufwand aber wurde enorm gesteigert und insgesamt ist dieses Verfahren auch nicht unproblematisch. Denn wo ist die Grenze zwischen der zulässigen Bearbeitung des Bildmaterials, um eine weitergehende Nutzung zu gewährleisten, und der Manipulation der Quelle? Das wäre eine wichtige Frage für die Definition von Richtlinien Digitaler Editionen.

Wir haben das Problem entschärft, in dem wir eine Vollbildansicht anbieten, die den Originalzustand nach dem Scannen wiedergibt. Sicher hätten wir diese Seiten auch sensitiv gestalten können, ,um von hier auf die Transkription bzw. den vergrößerten Schriftzug zugreifen zu können. Aber: müssen immer alle Möglichkeiten, die die EDV anbietet, ausgeschöpft werden? Das Verhältnis zwischen Aufwand und Nutzen stellt sich - genauso wie bei den traditionellen kritische Editionen - auch bei Digitale Edition.

Aus diesen acht handschriftlichen Blättern erstellten wir letztlich ca. 1000 Grafiken, insgesamt umfaßt die Edition bei nur 3,36 MB über 2100 Dateien.

 

Bearbeitung auf Text- und Datenbank- sowie Strukturebene

Da die vorliegenden Editionen hier wichtige Vorarbeiten geleistet haben, die Quelle eine relativ einfache, übersichtliche Struktur aufweist, waren hier keine größeren Probleme zu bewältigen. Mit der Textdatenbank Asksam erzeugten wir eine Wortliste, mit deren Hilfe die vorliegenden Editionen verglichen worden. Schließlich haben wir diese Wortliste mit der Handschrift abgeglichen, die Unterschiede in einer Tabelle erfaßt und schließlich eine Transkription ohne Änderungen publiziert.

 

Veröffentlichung

Nach der grundsätzlichen Entscheidung, eine Interne-Anwendung zu erstellen, mußten Fragen nach der Definition von Benutzerschnittstellen und -führung, Recherchemöglichkeiten und nach der Gestaltung beantwortet werden. Nach einigen Testversuchen entschieden wir uns die Frame-Technik anzuwenden, um

In der Endphase nutzen wir Front Page, da mit diesem Programm relativ leicht auf dem Internet Information Server aktive Komponenten (Suche und Diskussionsforum) erstellt werden konnten. Außerdem verwaltet FrontPage die WWW-Seiten in einer Datenbank, so daß ein Abgleich aller Verweise, Dateien etc. erleichtert wird.


1. Vgl. z. B. Gerhard Schmitz, „Unvollendet" - „Eingestampft" - „Kassiert". Nie erschienenes und Mißglücktes, in: Zur Geschichte und Arbeit der Monumenta Germaniae Historica. Ausstellung anläßlich des 41. Deutschen Historikertages München, 17.-20. September 1996 (Katalog), S. 64 ff.; ders., Die Neuausgabe der Pseudo-Kapitularien des Benedictus Levita - Ein Musterfall für eine „elektronische Edition"?, in: Concilium medii aevi 1 (1998)

(=http://www.cma.d-r.de/1-98/schmitz.pdf)

2. Walter Heinemeyer (Hg.): Richtlinien für die Edition landesgeschichtlicher Quellen, Marburg/Köln 1978

3. Bodo Plachta: Editionswissenschaft, Reclam 1997, S. 5.

4. Ähnliche Probleme gab es auch in anderen Wissenschaftsdisziplinen, die sich gleichfalls mit Editionen beschäftigen; vgl. z. B. die Edition des Manuskripts von Robert Musil, Der Mann ohne Eigenschaften, die 1992 auf CD erschien, da eine andere Publikationsform aufgrund des vielfältigen Materials nicht möglich war.

5. Plachta, S. 135

6. Ingo H. Kropac: Integrierte Computergestützte Edition: Dokumentation des Projekts: http://www-fhg.kfunigraz.ac.at/ice/doku/doku.htm (über: http://www-fhg.kfunigraz.ac.at/ice/)

7. Siehe Plachta, S. 15, der einen Kanon für historisch-kritischen Ausgaben aufgestellt hat:

„(1) Präsentation der Texte, die ein Autor hinterlassen hat, in möglicher Vollständigkeit

(2) Präsentation aller zu einem Text erhaltenen oder erschließbaren Textträger in einer Form, die die Textentstehung nachvollziehbar macht

(3) Gleichberechtigte Wiedergabe aller Fassungen eines Textes oder Werkes, wobei allerdings eine oder u. U. mehrere Fassungen begründet als Editierter Text ausgewählt werden

(4) Nicht alle Text- oder Werkfassungen sind in ihrer vollständigen Textgestalt zu präsentieren, eine Verzeichnung ihrer Varianten in bezug auf den Editierten Text ist möglich

(5) Adäquate Wiedergabe der Textentstehung in einem genetischen Apparat

(6) Abdruck aller Materialien wie Notizen, Exzerpte oder Schemata, die als vorbereitete Arbeiten zu einem Text oder Werk dienten (Paralipomena)

(7) Beschreibung aller erhaltenen Textträger und erschließbar verlorenen Textträger hinsichtlich der Überlieferung des Textes oder Werkes

(8) Wiedergabe aller Dokumente zur Entstehung und Textgeschichte

(9) Erläuterung der Wirkungsgeschichte eines Textes oder Werkes zu Lebzeiten des Autors

(10) Kommentierung der Sachbezüge u. a. aus historischer, literar- und sprachhistorischer sowie biographischer Perspektive."

8. Bisher bestimmte das Buch die logische Struktur einer jeden Edition. Zwar wurde versucht durch einen umfangreichen Anmerkungsapparat die dem Buch zugrunde liegende lineare Struktur aufzubrechen, aber das führte zu den bereits erwähnten komplizierten Umgang mit diesen Editionen. Eine Digitale Edition ermöglicht eine Netzstruktur, die z. B. verschiedene Überlieferungsschichten und deren Verknüpfung mit der Wirkungsgeschichte viel präziser abbilden kann. Und der Nutzer entscheidet in Abhängigkeit von seinen Vorkenntnissen, seinem wissenschaftlichen Interesse etc., ob er den Grundtext oder eine spezielle Überlieferung heranzieht!

9. Dieter Pötschke, Zum Einsatz daten- und wissensverarbeitender Systeme in Geschichtswissenschaft, Archiven und Rechtsgeschichte, in: Computer und Geschichtswissenschaften, Archive und Museen (=Neue Anwendungen der Informations- und Kommunikationstechnologien (Workshop C). Berichte der 2. Brandenburger IuK-Tagung 1994, hrsg. vom Minister für Wirtschaft, Mittelstand und Technologie des Landes Brandenburg), Potsdam 1994, S. 21.